08.11.2019 um 19 Uhr – Info-VA: Antisemitismus in der radikalen Linken

Antisemitismus in der radikalen Linken – von Antizionismus, Kraken und einer Bombe zum 9.November

Antisemitismus wird in der linken Szene zumeist nur bei anderen wahrgenommen, insbesondere bei Nazis, gelegentlich noch in islamistischen Kreisen. Antisemitismus in der Linken? Der wird höchstens bei den gewaltaffinen Muckibudenjungs des Jugendwiderstands gesehen. Die Genannten haben gemeinsam, dass man sich prima von ihnen abgrenzen kann. So wie die sind wir nicht – und folglich auch keine Antisemit*innen. Dabei gibt es viele Stellen an denen Antisemitismus in linken Kreisen anschlussfähig und verbreitet ist.
Der Vortrag soll aufzeigen, an welche ideologischen Momente Antisemitismus in der radikalen Linken anschlussfähig ist, wie er sich äußert und warum er brandgefährlich ist. Vor allem soll klar werden, dass die Debatte um den Antisemitismus der eigenen Szene dringend geführt werden muss und nicht aus Angst vor Auseinandersetzung oder mit Rücksicht auf die nächste Großkampagne vermieden werden sollte.

Der Vortrag findet im Rahmen des Gedenkens an die Novemberpogrome 1938 statt . Organisiert von JUP und PAO (http://paoberlin.blogsport.eu/).

9. November 2019 – Gedenken an die Novemberpogrome 1938

am helllichten Tag und unter aller Augen…

Die Gewalt der Pogrome vom 7. bis 13. November 1938 fand am 9. November ihren vorläufigen Höhepunkt. Überall in Deutschland und Österreich brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, demoliert und geplündert. Deutsche Antisemit*innen demütigten, schlugen, vergewaltigten und ermordeten Jüdinnen*Juden. Etwa 30.000 Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Die Pogrome stellten eine weitere, entscheidende Radikalisierung der antijüdischen Politik des NS-Regimes dar. Bereits zuvor hatten die Nazis die deutschen Jüdinnen*Juden Schritt für Schritt aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Nach dem November 1938 wurde die antisemitische Politik immer gewalttätiger und gipfelte letztlich in dem Versuch, alle Jüdinnen*Juden Europas zu vernichten. Bis 1945 hatten die Nazis sechs Millionen Jüd*innen ermordet.

Das Bündnis zum Gedenken an den 9. November hat es sich seit 1990 zur Aufgabe gemacht, den Tag nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Auch in diesem Jahr rufen wir zu einer Gedenkkundgebung am Mahnmal an der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße in Moabit auf. Anschließend wird eine antifaschistische Demonstration durch Moabit führen und am heutigen S-Bahnhof Westhafen enden, wo vor 71 Jahren Jüdinnen*Juden in Konzentrationslager deportiert wurden. Wir wehren uns gegen alle Versuche, das Gedenken an die Novemberpogrome zu übertönen, wie dies von den deutschtümelnden Festivitäten zum 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum zu erwarten ist.

Unsere antifaschistische Praxis erschöpft sich nicht im Gedenken, sondern ist immer auch auf heute gerichtet. Alle Vergleiche mit aktuellen Zuständen wirken im Angesicht des Grauens der Novemberpogrome wie Hohn. Dennoch: Es sind immer noch Menschen in Berlin von rechter Gewalt betroffen. Diese sind nicht mit dem Verweis auf das Unvergleichbare zu relativieren.

Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus gehören in Deutschland keineswegs der Vergangenheit an. Auch heute werden in Berlin Jüdinnen*Juden auf offener Straße beschimpft und angegriffen. Den Betroffenen gilt unsere Solidarität.

Kommt zur
Gedenkkundgebung und Demonstration
9. November 2019 | 17.00 Uhr | Mahnmal Levetzowstraße | Moabit

Weitere Infos gibts auf der Seite des 9. November Bündnisses.

TKA-Tresen: „Nicht mit und nicht ohne dich. Heimat und Fremde als Grundkonstanten von Volk und Nation.“ – Vortrag von Anna Regener

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum und wir haben Anna Regener mit dem Vortrag „Nicht mit und nicht ohne dich. Heimat und Fremde als Grundkonstanten von Volk und Nation.“ zu Gast.

Alle sollen eine haben, aber niemand weiß so recht was das ist. Und wer dann doch keine hat, ist zum Suchen verdammt. „Heimat“ war jedoch schon immer verloren, schon immer im Gestern. Entstanden als romantische Gegenbewegung zu Veränderung, Erweiterung, gesteigerter Komplexität und Verschiebung von Machtstrukturen, bezieht sich die „Heimat“, als Bewahrerin alles vermeintlich Guten, auf das Bild einer idyllischen Vergangenheit, die es nie gab. Die völkische und nationalistische Interpretation von Heimat, unterstützt durch Landeskunde und Geschichtswissenschaften, hat Bilder geschaffen, die auch heute noch wirken und identitätspolitisch genutzt werden können. Der Vortrag wird einen Überblick geben über die historische Entwicklung des bürgerlichen wie auch sozialistischen Heimatbegriffs, die eng vernetzt ist mit der Erfindung und Etablierung von Volk und Nation.

Anna Regener hat in Bamberg den Master „Historische Geographie“ studiert und sich mit Erinnerungskultur, Nationenbildung und dem leidigen Thema Heimat auseinandergesetzt und ist nun vermutlich arbeitslos. Ansonsten ist sie in queeren und feministischen Kreisen aktiv und wünscht sich eine Welt ohne Macker und Sexisten. Und kühles Bier. Und Weltfrieden *zwinkersmiley*

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 14.11.2019 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen-Mitschnitt: „Selbstbestimmung und Eugenik – Die Abtreibungsdebatte in den 1980er Jahren“ – Vortrag von Pia Marzell

Vom Vortrag „Selbstbestimmung und Eugenik – Die Abtreibungsdebatte in den 1980er Jahren“, den Pia Marzell am 12.09.2019 auf unserem Tresen gehalten hat, gibt es nun einen Mitschnitt auf unserer Seite.

Eine Liebesgeschichte von Antifeminismus und Kapitalismus – What the fuck!?

Unseren für das What the Fuck Bündnis gegen den „Marsch für das Leben“ geschriebenen Text findet ihr nun auch hier:

Die Errungenschaften des Feminismus seit den Anfängen der Aufklärung sind uns in Deutschland allgegenwärtig – Frauen* wählen Frauen in höchste Regierungsämter, Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, Frauen dürfen sich ohne Erlaubnis ihres Ehemannes in ausbeuterische Lohnarbeit begeben und vieles mehr.

Die scheinbare gesellschaftliche Anerkennung für feministische Kämpfe geht so weit, dass frau in jedem zweiten bekannten Bekleidungsdiscounter neben den „Bauch-weg“-Höschen nun auch Shirts mit Aufdrucken wie „Girl Power“ oder „Feminism“ erwerben kann. Hochglanz-Zeitschriften titeln mit Erfolgsgeschichten von Firmenchefinnen und Politikerinnen, eine Biermarke feiert auf riesigen Werbebannern den „Väterinnentag“. Schöne neue Welt – so mag es der bürgerlichen „Feministin“ vorkommen – der kaufbare Feminismus, eine Liebesgeschichte des Kapitalismus.

Währenddessen erstarken antifeministische Positionen innerhalb dieser ach so schönen neuen Welt und vereinen extreme Rechte, fundamentale Religionsanhänger*innen und die konservative, bürgerliche Mitte zu einem sexistischen Mob, der kein Halten kennt. So treffen sie beispielsweise bei Demonstrationen „gegen Frühsexualisierung unserer Kinder“ oder dem „Marsch für das Leben“ und ähnlichen Veranstaltungen aufeinander.

Die Motive mögen unterschiedlich sein – vom Glauben an die völkisch-nationale Ordnung über die gottgewollte Geschlechterhierarchie bis hin zum Traditionalismus und Biologismus – im Antifeminismus finden sie wieder zusammen.

Die Akteur*innen wenden sich gegen Positionen des Feminismus bzw des sogenannten „Genderismus“(1), indem sie alternative Rollen-und Familienbilder(2) ablehnen, die Eignung von Frauen für hohe Positionen innerhalb von Politik und Gesellschaft infrage stellen bzw. verneinen, oder die vermeintlich inzwischen erreichte Unterlegenheit von Männern gegenüber Frauen* in der Gesellschaft und auf dem Lohnarbeitsmarkt beklagen und sich zu „Maskulisten“-Gruppen zusammenschließen.(3) Der Feminismus dient hier als Feindbild, dem in verschwörungstheoretischer Manier die Schuld daran gegeben wird, an den Anforderungen kapitalistischer Verhältnisse zu scheitern.

Wenn sich – wie eingangs beschrieben – der marktfähige Feminismus in einer Liebesbeziehung zum Kapitalismus wiederfindet, agieren Antifeminist*innen dann antikapitalistisch? Mitnichten.

Der Kapitalismus bezeichnet nach Marx/Engels die „von der Herrschaft des Kapitals bedingten sozialen, politischen, rechtlichen und kulturellen Verhältnisse als Gesellschaftsordnung“ und ist in unserer Gesellschaft seit jeher patriarchal konstituiert.(4) Daher findet sich in den allermeisten antifeministischen Positionen die patriarchal-kapitalistische Logik wieder.

Wenn gefordert wird, Frauen sollen sich zuforderst mit ihrer gesellschaftlichen Position als Mutter und Unterstützerin ihres arbeitenden Mannes identifizieren, kommt dies der kapitalistischen Verwertungslogik zugute. Das bedeutet nämlich, dass soziale Reproduktionsarbeiten – also die Versorgung der Kinder, die Pflege kranker Angehöriger, die Haushaltsarbeiten – im privaten und damit unbezahlten Bereich bleibt und die Kapitalproduktion nicht behindert sondern überhaupt erst ermöglicht wird.(5)

Wenn von Antifeminist*innen die Eignung von Frauen für bestimmte Arbeiten oder Positionen angezweifelt und die feministische Forderung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ verneint wird, können Arbeitgeber*innen im kapitalistischen Ausbeutungssystem Gewinne maximieren, indem Frauen ein geringeres Gehalt gezahlt wird. Damit finden sich viele Frauen in einem doppelten Ausbeutungsverhältnis wieder – unbezahlte Sorge-Arbeit und schlechter bezahlte Lohnarbeit.

Und wenn Frauen Wertschätzung jenseits gesellschaftlich konstruierter Körper- und Schönheitsnormen abgesprochen wird, kann der kapitalistische Warenmarkt für Selbstoptimierungsprodukte boomen. Um neben Reproduktions- und Lohnarbeit auch noch schlank, schön und sexy zu sein, braucht frau vermeintlich die neuesten Mode- und Beautyprodukte, das Fitnessstudio und Diätprodukte, Selbsthilferatgeber und Lifestyle-Workshops.

Die wahre Liebesgeschichte erzählen uns also der Kapitalismus und der Antifeminismus bzw. das Patriarchat – nicht der konsumfähige Feminismus, die aufregende Affäre in dieser Ehe.

Daher gilt es, in linksradikalen feministischen Auseinandersetzungen stets auch den patriarchalen Kapitalismus mit in die Schusslinie zu nehmen und antifeministische Akteur*innen zu bekämpfen – von der extremen Rechten, über fundamentale Anhänger*innen jeglicher Religionen, bis hin zur konservativen, bürgerlichen Mitte.

Theorie, Kritik & Aktion | Berlin [TKA]
tka.blogsport.de
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* In diesem Text werden die Bezeichnungen ,Mann‘ und ,Frau‘ sowie ,männlich‘ und ,weiblich‘ nicht verwendet um auf eine biologische Essenz zu verweisen, sondern um sie als Geschlechterkategorien zu verstehen, die gesellschaftsstrukturierende Wirkung haben. Auch wenn geschlechtliche Selbst- und Fremdzuschreibungen bis in psychische Tiefenschichten hinein ihre Wirkung entfalten, gehen Individuen niemals in diesen binären Zuschreibungen auf.

1) Der sogenannte „Genderismus“ ist der von national-konservativen Kreisen abwertend verwendete Begriff für feministische Strömungen aller Art.

2) Also alles, was ihrer Meinung nicht in das traditionelle Vater-Mutter-Kind Konzept passt.

3) Siehe auch Veronika Kracher zu „Incels“ https://jungle.world/artikel/2019/01/gekraenkte-maennlichkeit

4) Empfehlung: http://audioarchiv.blogsport.de/2011/04/17/kapitalismus-und-patriarchat/

5) Buchempfehlung Silvia Federici : „Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution“

TKA-Tresen: „Selbstbestimmung und Eugenik – Die Abtreibungsdebatte in den 1980er Jahren“ – Vortrag von Pia Marzell

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum und wir haben im Rahmen der What The Fuck Proteste Pia Marzell mit dem Vortrag „Selbstbestimmung und Eugenik – Die Abtreibungsdebatte in den 1980er Jahren“ zu Gast. Anschließend wird es Raum für Diskussionen geben.

Der Vortrag zeichnet den Konflikt zwischen der Frauenbewegung und der Behindertenbewegung vor dem Hintergrund der sich entwickelnden Pränataldiagnostik nach. Anhand dieser Konfliktgeschichte sollen Fragen und Thesen diskutiert werden: Was bedeutete „Selbstbestimmung“ für die Frauenbewegung? Warum analysierten Krüppelfrauengruppen Abtreibungen von Föten mit „Fehlbildungen“ als behindertenfeindlich? Welches Verständnis von Natur und Körper vertraten die frauen- und behindertenbewegten Aktivistinnen? Und wie hängt der Konflikt mit der „Aufarbeitung“ der NS-Krankenmorde zusammen?

Pia Marzell lebt und arbeitet in Leipzig. Sie ist Teil des AK.Unbehagen, in welchem sie sich gerade mit feministischen Vorstellungen von Utopie auseinandersetzt. Sonst liegen ihre inhaltlichen Schwerpunkte auf der Geschichte des Nationalsozialismus und deren Implikationen in der Gegenwart, der Behinderten- und der Frauenbewegung in West und Ost.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 12.09.2019 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

„Marsch für das Leben“?! – What the fuck!

WTF 2019

Am 21. September 2019 findet in Berlin der „Marsch für das Leben“ statt, an dem jährlich tausende selbsternannte „Lebensschützer“ ein generelles Verbot von Abtreibungen fordern.

Unter dem Deckmantel des „Lebensschutzes“ propagiert der „Marsch für das Leben“ ein christlich-fundamentalistisches Weltbild, in dem jedoch nicht jedes Leben gleich schützenswert ist. Sie vertreten konservative Geschlechterrollen, eine rigide Sexualmoral, sind homo- und transfeindlich und berufen sich dabei auf Gott und die Bibel. Mit ihren Vorstellungen sind sie nicht allein, in der gesamten Gesellschaft erleben wir das Erstarken nationaler, konservativer und antifeministischer Positionen. Der Antifeminismus verbindet reaktionäre Strömungen, von der CDU/CSU, über die AfD bis zu Personen der extremen Rechten. Es kommt vermehrt zu Hetze gegen Frauen, queere Menschen/LGBTIQ* und Geflüchtete. Wir stellen uns gegen menschenfeindliche Positionen und fordern reproduktive Rechte für alle. Dazu gehört auch das Recht auf Abtreibung. Denn nur wenn es einen legalen Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gibt, werden Schwangere vor den tödlichen Folgen unsicherer Abtreibungen geschützt. In Ländern, in denen es keinen sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gibt, sehen wir, dass die Zahl an unsicheren Abtreibungen mit Todesfolge besonders hoch ist. Verbote verhindern Abtreibungen nicht, sie führen lediglich dazu, dass Menschen sterben.

Wir werden den Marsch sabotieren – für eine befreite und emanzipatorische Gesellschaft!

Wenn auch du kein Bock auf diese antifeministische und nationalistische Scheiße hast, dann schließ dich unseren Protesten an!

What the fuck! Abtreibung legalisieren, Antifeminismus sabotieren.
21. September 2019 | 10 Uhr | Berlin Rosenthaler Platz

Wir kämpfen

- für das Recht auf Abtreibung und einen leichten Zugang zu Informationen (juristisch gesprochen die Streichung der Paragrafen 218 und 219 aus dem Strafgesetzbuch).
- dafür, dass Schwangerschaftsabbrüche Teil der medizinischen Ausbildung werden, und alle Krankenhäuser diese durchführen.
- dafür, dass Abtreibungen als medizinische Leistung von der Krankenkasse bezahlt und anerkannt werden. Und auch für Geflüchtete übernommen werden.
- für eine Schwangerschaftsbegleitung, die sich am Wohl der Schwangeren orientiert und nicht am „gesunden Volkskörper“.
- für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch – ob mit oder ohne Behinderung – die Unterstützung bekommt, die er braucht.
- für eine Gesellschaft, in der alle Geschlechter und sexuelles Begehren ohne Angst gelebt werden können – denn wir lieben, wen und wie wir wollen.

Wenn du dich diesen Forderungen anschließen kannst, dann komm mit uns am Samstag auf die Straße, um für Feminismus und gegen den „Marsch für das Leben“ zu demonstrieren!

TKA-Tresen: Filmabend „Das Fest des Huhnes“

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum und wir zeigen die Mockumentary „Das Fest des Huhnes“ von Walter Wippersberg aus dem Jahre 1992.

Die Sitten und Gebräuche der in Oberösterreich ansässigen Ureinwohner werden von afrikanischen Forschungsreisenden im Stil europäischer Forschungsreisender beschrieben. Sie stoßen dabei auf völlig neue Kulturphänomene. Wippersberg dreht dabei im Sinne von Weißsein das von europäischen Forschern angewandte Forschungsprinzip um, zuerst ethnologische Studien zu betreiben und das dann in Form eines Dokumentarfilmes der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 11.07.2019 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen-Mitschnitt: „Feels like a Revolution – Eine feministisch-philosophische Kritik des Gefühls“ – Vortrag von Kim Posster

Vom Vortrag „Feels like a Revolution – Eine feministisch-philosophische Kritik des Gefühls“, den Kim Posster am 09.05.2019 auf unserem Tresen gehalten hat, gibt es auf unserer Seite einen Mitschnitt.

Gegen jeden Antisemitismus – Kein Quds-Marsch 2019 in Berlin!

Am 01. Juni 2019 wollen auch in diesem Jahr mehrere hundert Antisemit*innen am sogenannten Al Quds-Tag in Berlin aufmarschieren. Sie demonstrieren für eine Eroberung Jerusalems (arabisch: Al Quds) und die Vernichtung Israels. Der Al Quds-Tag wurde 1979 im Rahmen der Islamischen Revolution im Iran als Feiertag ausgerufen und wird jährlich als Staatsakt am Ende des Ramadan abgehalten. Seitdem dient der Tag der iranischen Führung als islamistische Propagandaveranstaltung gegen den jüdischen Staat. Dabei wird sowohl versucht, sich als Widerstandsbewegung gegen den vermeintlichen Aggressor Israel, als auch den Quds-Tag zum „Kampftag für die Unterdrückten der Welt“ zu stilisieren. Mit der Forderung, dass „die Unterdrückten“ sich ausgerechnet gegen den jüdischen Staat zur Wehr setzen sollen, steht der Al Quds-Tag in einer antisemitischen Tradition: Die Idee einer jüdischen Weltverschwörung, die für alles Übel der Welt verantwortlich sei, ist zentraler Kern antisemitischer Ideologie. Anstatt einer tatsächlichen Solidarität mit Palästinenser*innen und ihren Lebensumständen geht es den Veranstalter*innen des jährlichen Quds-Marsches um die Dämonisierung Israels und der Machterhaltung des islamistischen Regimes, der Verbreitung seiner Ideologie in der Region und im Ausland. Für die Islamische Republik Iran ist Antisemitismus seit der Gründung im Jahr 1979 zentraler Bestandteil der Staatsideologie. Erst in diesem Jahr sprach der als gemäßigt geltende Präsident Hassan Rohani von einer Verschwörung Israels und der USA gegen den Iran und bezeichnete den jüdischen Staat bei einer Konferenz zur islamischen Einheit im November 2018 als einen „krebsartigen Tumor“.

Mit der Islamischen Revolution vor 40 Jahren wurden nicht nur regimestabilisierende Events wie der Al Quds-Tag eingeführt, sondern mit dem islamischen Scharia-Recht auch Gesetze mit einschneidender Wirkung für die iranische Bevölkerung. Kurz nach der Revolution, einige Tage vor dem Internationalen Frauentag 1979, wurde es den berufstätigen Frauen* verboten, unverschleiert zur Arbeit gehen. Staatliche „Sittenwächter” sorgen für die Einhaltung fundamentalistischer Regelungen in der Öffentlichkeit. Insbesondere Frauen* sind seither systematisch sexualisierter Gewalt ausgeliefert. Vergewaltigungen werden strukturell begünstigt und haben in der Regel immer ein Nachspiel für die Betroffenen. Gleichzeitig ist es oftmals fast unmöglich, die Täter dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Das Wort eines Mannes* steht dabei gesetzlich festgeschrieben immer über dem der Frau*. Obwohl sie Opfer eines Verbrechens wurden, kann ihnen das als strafbare Handlung ausgelegt werden – das wird dann mit den Vorwürfen des vorehelichen oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs oder einfach mit den angeblich niedrigen Beweggründen der Heimtücke begründet. Im schlimmsten Fall droht Frauen* die Todesstrafe durch Steinigung. Als gesetzliches Eigentum von Männern*, entmündigt in Fragen von Sorgerecht, Scheidung und Reiseerlaubnis werden Frauen* im Iran zu Menschen zweiter Klasse erklärt. Mit alltäglicher Repression reagiert das Regime auch auf Gewerkschafter*innen, Menschenrechtsaktivist*innen, Angehörige religiöser und anderer Minderheiten wie z.B. die Bahai und Jesid*innen. Politische Gegner*innen werden inhaftiert und gefoltert. Neben der Abkehr vom Glauben gilt Homosexualität als schwerstes zu begehendes Verbrechen. Bei dem Vorwurf des homosexuellen Geschlechtsverkehrs droht die Todesstrafe, die, wie jüngste Berichte aus dem Januar 2019 zeigen, durch öffentliches Hinrichten vollstreckt wird.

Um den Protest von Betroffenen zu delegitimieren, werden sie nicht nur verhaftet und hingerichtet, sondern auch als Agent*innen des Westens, vornehmlich Israels dargestellt. Die explizit frauen*feindlichen und antisemitischen Politiken des Iran schließen sich dabei nicht etwa aus, sondern sind in einem engen wechselseitigen Verhältnis zueinander zu betrachten.
Dieses Zusammenspiel ist keineswegs eine Erfindung der Mullahs, sondern eng verbunden mit der Entwicklung des modernen Antisemitismus im 19. Jahrhundert in Europa, als Jüdinnen*Juden als „Rasse“ konstruiert und ihnen körperliche und geistige Eigenschaften zugeschrieben wurden. Der „jüdische Mann“ wurde im Kontrast zum „arischen Mann“ konstruiert. Dabei werden im Antisemitismus sexistische Abwertungen gegenüber Frauen* auf „jüdische“ Männer“ übertragen. Zugeschriebene Eigenschaften wie Verführungskünste und Unberechenbarkeit werden als Gefahr für den „arischen Mann“ und die Gesellschaft angesehen. Dementsprechend werden „jüdische Frauen“ als Gegenbild zur anständigen, nicht-jüdischen Frau, welche dem Mann folgsam dient und die Kinder großzieht, als das verführerische und wahlweise abstoßende „Andere“ konstruiert. Wenn auf dem Al Quds-Marsch Männer* die vorderen Reihen bilden, folgen ihnen Frauen*, zumeist mit den Kindern. Oftmals sind es dabei auch Frauen*, die misogyne und antisemitische Plakate tragen, die Jüdinnen*Juden in Karikaturen körperlich abwerten. Gleichzeitig dienen antisemitischen Gruppen wie dem BDS und der PFLP Frauen* als Galionsfiguren im Kampf gegen Israel. Anders als etwa von einigen queer*feministischen Gruppen dargestellt, stellen sie keineswegs die emanzipatorischen Kräfte innerhalb terroristischer Organisationen dar, sondern werden von letzteren desexualisiert. Denn in kämpfenden Einheiten mit patriarchalen Machtstrukturen gelten Frauen* als schwach und daher nicht geeignet für den Kampf gegen Jüdinnen*Juden.
Neben Jüdinnen*Juden dienen Frauen* allgemein als negatives Gegenbild zur antisemitischen und patriarchalen Norm. In den sexistisch-antisemitischen Diskursen charakterisieren List und Täuschung sowohl Jüdinnen*Juden als auch Frauen* generell und lassen sie als unberechenbar und gefährlich erscheinen. Dass vermeintlich Schwache sich zum Starken aufschwingen, gilt als unerhört und ungerecht. Nicht nur die politischen Kräfte des Irans versuchen dies zu verhindern.

Ungeachtet all dieser Zustände gratulierte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dem Regime im Iran zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution und steht damit symbolisch für die fatale deutsche Iran-Politik und ihre Doppelmoral. Während sich insbesondere sozialdemokratische Politiker*innen für feministische Positionierungen feiern lassen, zählt Deutschland weiterhin zu den wichtigsten Handelspartnern des antisemitischen Regimes. Außenminister Heiko Maas (SPD) setzte sich nach dem Inkrafttreten von US-Sanktionen im August 2018 intensiv für die Interessen deutscher Firmen im Iran ein. Zu den weiterhin laufenden Protesten iranischer Regimegegner*innen, verlor er dabei kein Wort. Während sich vereinzelt konservative bis rechte Politiker*innen um eine vorgeschobene Kritik am Antisemitismus und der Unterdrückung von Frauen* im Iran bemühen, verschweigen sie zugleich den Antisemitismus und patriarchale Zustände in Deutschland. Zu gerne wird von ihnen das Bild des “importierten” Antisemitismus und Sexismus bemüht, während Antisemit*innen in den eigenen Reihen stillschweigend geduldet werden und Frauen* weiterhin, etwa durch das Abtreibungsverbot per deutschem Gesetz, Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung verwehrt werden. Während also (extrem) rechte Kräfte und weite Teile der deutschen Gesellschaft ihren „Kampf“ gegen Antisemitismus und sexualisierte Gewalt nur aus einer rassistischen Motivation heraus führen, leugnen und verstecken sie die eigene Verstrickung und Täter*innenschaft. Doch die Deutschen beweisen bis heute, dass sie keine Hilfe von außen brauchen um Jüdinnen*Juden zu bedrohen und eine patriarchale Gesellschaft aufrecht zu erhalten.

Glücklicherweise gibt es sowohl in fundamental islamistischen, als auch in bürgerlich-patriarchal verfassten Gesellschaften seit Jahrzehnten Feministinnen* und emanzipatorische Kräfte, die sich patriarchalen Strukturen entgegenstellen. Sie kämpfen gegen regressive Sexualmoral, normative Geschlechterbilder, rigiden Zugriff auf weibliche* Körper, Abwertung von Frauen* und alltägliche antifeministische, homo- oder transfeindliche Angriffe. So wurde weltweit in diesem Jahr wieder zum feministischen Bestreiken von prekärer Lohnarbeit sowie unbezahlter Care- und Reproduktionsarbeiten aufgerufen. Frauen* schließen sich zusammen und bekämpfen ihre Unterdrückung auf allen Ebenen. Im Iran lassen sich Frauen*, trotz der regressiv misogynen Gesetzgebung, ihr Recht auf Protest gegen die anhaltenden Zustände nicht nehmen. Aktionen wie das Ablegen von Kopftüchern werden trotz der zu erwartenden Repression in die Öffentlichkeit getragen. Im Januar 2018 gingen im Zuge der Proteste gegen das Regime im Iran die Bilder von Vida Movahed um die Welt, die aus Protest gegen die Islamische Republik und die repressive Kleiderordnung im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg – in ihrer Hand einen Stock, darauf ihr weißes Kopftuch. Auch nach 40 Jahren demonstrieren die iranischen Frauen* als eine der größten Protestgruppe weiterhin auf den Straßen, filmen sich bei öffentlichen Konfrontationen mit den Sittenwächtern und solidarisieren sich mit Verhafteten. Eine ihrer Parolen lautet wie damals: „Freiheit ist nicht östlich und nicht westlich, sie ist universell!“

Unsere Solidarität mit emanzipatorischen und feministischen Kämpfen ist für uns als Antifaschist*innen nicht verhandelbar. Nicht nur am Al Quds-Tag, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres gilt es, sich jeglicher Form von Sexismus und Patriarchat, Antisemitismus und Antizionismus entgegenzustellen. Antifaschismus bedeutet einzustehen für das Selbstverteidigungsrecht des Schutzraums von Jüdinnen*Juden, bedeutet Solidarität mit Israel gegen die tagtäglichen Vernichtungsdrohungen. Es gilt auch innerhalb feministischer Diskurse eine emanzipatorische Kritik am politischen Islam und seinen Vertreter*innen zu formulieren. Ebenso an der deutschen Doppelmoral in den Kooperationen mit diktatorischen Regimen wie dem Iran, an islamistischer Agitation in Deutschland und Europa. Antifaschismus heißt auch, sich all dem in den Weg zu stellen, ohne scheinheilige Zurückhaltung im Sinne einer angeblich größeren linken Sache oder kulturrelativistischem Appeasement. Dabei stehen wir insbesondere an der Seite der Verfolgten und der Opfer des politischen Islam und der islamistischen Regime, die vor Ort ihr Leben für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung riskieren, wie an der Seite derjenigen, die vor Unterdrückung und Terror nach Deutschland geflohen sind.

Auch hier gilt es alltäglich, dem Patriarchat, dem rassistischen und antisemitischen Normalzustand den Kampf anzusagen!
In diesem Sinne:

Solidarität mit Israel und den emanzipatorischen Kräften im Iran!
Nieder mit dem Patriarchat und LGBTIQ*-Feindlichkeit!
Nieder mit dem Al Quds-Tag!
Kein Friede mit Deutschland!

Antifaschistische Demonstration: Samstag 01. Juni 2019 | 12.00 Uhr Auftaktkundgebung: U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße

Am 01. Juni 2019 wollen, wie in jedem Jahr, hunderte Antisemit*innen ihren Hass auf Israel und die angeblichen zionistischen Verschwörer*innen auf die Straßen Berlins tragen. Der Al Quds-Tag wurde 1979 im Rahmen der Islamischen Revolution im Iran als Feiertag ausgerufen und propagiert die Eroberung Jerusalems (arabisch: Al Quds) durch eine weltweite muslimische Allianz. Dabei wird er zum „Kampftag für die Unterdrückten der Welt“ stilisiert, an dem es gilt der „Quelle allen Übels“ entgegenzutreten: dem „Krebsgeschwür“ Israel (Hassan Rohani, 2018). Auch außerhalb des Irans finden an diesem Tag jedes Jahr Veranstaltungen statt.

Der Al Quds-Tag dient einzig der Propagierung der explizit antisemitischen sowie LGBTIQ*-feindlichen und misogynen Staatsideologie des Iran. Frauen* werden beim Sorgerecht, Scheidungen und der Reisefreiheit entmündigt und somit zu Menschen zweiter Klasse gemacht, die strukturell durch den Staat und die Gesellschaft sexualisierter Gewalt ausgeliefert sind. Homosexualität gilt neben der Abkehr vom Glauben als schwerstmögliches Verbrechen und kann durch öffentliche Hinrichtung bestraft werden.
Deutschland zählt nach wie vor zu den wichtigsten Handelspartnern des Iran, zu den Protesten iranischer Regimegegner*innen verliert die deutsche Regierung jedoch kein Wort.

Deutschland, das sich gerne als fortschrittlichen Aufarbeitungsweltmeister gibt, scheut sich dagegen nicht mit einem antisemitischen, LGBTIQ*-feindlichen Regime, wie dem im Iran, Geschäfte zu machen. Besonders die iranischen Frauen* nehmen eine bedeutende und sichtbare Rolle in dieser Protestbewegung gegen dieses Regime ein. Sie wehren sich gegen ihre Unterdrückung durch das öffentlich Abnehmen des Kopftuchs oder Tanzen auf der Straße und nehmen dafür immer wieder Haftstrafen in Kauf.

Nicht nur am Al Quds-Tag, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres gilt es, sich jeglicher Form von Sexismus und Patriarchat, Antisemitismus und Antizionismus entgegenzustellen.
Solidarität mit Israel und den emanzipatorischen Kräften im Iran!
Kein Friede mit Deutschland!

Kommt zur antifaschistischen Demonstration!
01.Juni 2019, 12 Uhr
U-Bhf Wilmersdorfer Str.

Weitere Infos findet Ihr auf der Seite des Antifaschistischen Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag.

71 Jahre Israel

Masel tov! Vor 71 Jahren erfolgte die israelische Unabhängigkeitserklärung. Wir sagen Happy Birthday Israel!

74 Jahre Befreiung vom deutschen Faschismus

74 Jahre ist es her, dass die Welt vom deutschen Faschismus befreit wurde. Wie jedes Jahr ein Grund zu feiern!

TKA-Tresen: „Feels like a Revolution – Eine feministisch-philosophische Kritik des Gefühls“ – Vortrag von Kim Posster

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum und wir haben Kim Posster mit dem Vortrag „Feels like a Revolution – Eine feministisch-philosophische Kritik des Gefühls“ zu Gast. Anschließend wird es Raum für Diskussionen geben.

Im Alltagsverständnis scheinen Gefühle keine objektive Gültigkeit zu haben. Sie erscheinen nicht für die Verallgemeinerung geeignet und bedrohen sogar die „Neutralität“ z.B. akademischer oder politischer Diskurse. Emotional sein, heißt irrational sein. Gleichzeitig scheinen Gefühle für eine innere Wahrheit zu bürgen, über die ein Urteil schnell als anmaßend empfunden wird. Wie kommt es, dass Emotionen so oft der denkenden Vernunft gegenübergestellt werden? Ist es ein Zufall, dass wir die Ratio eher mit dem Männlichen und das irrationale Spüren eher mit dem Weiblichen verbinden? Müssen Gefühle etwa überwunden werden, um die Freiheitsversprechen der Aufklärung einzulösen, oder sind sie der letzte Hoffnungsschimmer der Emanzipation in einer bis zum Äußersten rationalisierten Welt?
Im Vortrag soll ein philosophisch-feministischer Blick auf Gefühle eröffnet werden, der das Fühlen als Element der Erkenntnis- und Gesellschaftskritik zu ihrem Recht kommen lässt, ohne dabei die Kritik am Kult der Emotion in kapitalistischen und patriarchalen Verhältnissen auszusparen.

Kim Posster fühlt mindestens seit dem er denken kann, publiziert aus der Perspektive eines materialistischen (Pro-)Feminismus und betreibt mit anderen zusammen einen Blog zur kritischen Auseinandersetzung mit (eigener) Männlichkeit: kritmaen.noblogs.org

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 09.05.2019 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen: Filmabend „So, Which Band is Your Boyfriend in?“

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum und wir zeigen den Film „So, Which Band is Your Boyfriend in?“ der britischen Dokumentarfilmerin Suzy Harrison.

„So, which band is your boyfriend in? is a documentary exploring gender in the UK’s DIY and underground music scenes. This film gives a voice to individuals who have been involved in music, but never had the opportunity to share their stories on camera. This groundbreaking exploration documents current experiences, challenges and changes from the viewpoint of musicians not identifying as male. The aim was to make a film to raise awareness of the experiences of those in the scene, in the hope that it will lead to positive change.“

Der Film wird in englischer Sprache gezeigt werden.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 14.03.2019 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

Soli-Tresen für WHAT THE FUCK

Kommt zum Feministischen Tresen am 2. März ab 20 Uhr ins faq (Jonasstr. 40, Neukölln). Es gibt aktuelle Infos zu Aktivitäten rund um den 8. März. Und Karaoke. Yeah! Bringt eure Friends mit.

Gegen jeden Antisemitismus – auch in linken Räumen!

Für den 23. Februar haben La6izi & Arab*Underground zum Tanz ins Mensch Meier[1] geladen. Eigentlich nichts Neues und für gewöhnlich sind Partys auch nicht Gegenstand unserer Kritik – die Frage, warum es hier aber um mehr geht als nur um nice Beats und Tanzen, lässt sich mit einem kurzen Blick ins Programm beantworten: Neben Sets diverser Künstler*innen, einer Ausstellung der Gruppe Syrian Intifada soll der Film „Palestine Underground | Hip Hop, Trap and Techno Documentary Featuring Sama‘“[2] des britischen Musikprojekts Boiler Room gezeigt werden und damit ein Podium für die politische Praxis des (Kultur -) Boykotts gegen Israel geboten werden.

Stutzig gemacht haben uns zunächst zwei Dinge: Zum Ersten die Veranstalter*innen. Im letzten Jahr hatte die Gruppe Arab*Underground einen eigenen Space auf dem Fusion-Festival. Neben verschiedenen anderen Veranstaltungen geriet im Jahr 2018 dort vor allem eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Erasure of Narratives of Co-Resistance: The Cultural Boycott of Israel in Germany“ in den Fokus der Kritik[3]. Teil dieses Podiums, auf dem die Praxis der antisemitischen BDS-Bewegung vorgestellt wurde, waren auch Personen, die an der Party im Mensch Meier beteiligt sind. Der zweite Punkt, der uns stutzig gemacht hat, war ein kleiner Eintrag in der Veranstaltungsankündigung auf der Homepage vom Mensch Meier. Dort stand: Jazar Crew, Haifa (State of Palestine). Eine israelische Stadt einem nichtexistenten palästinensischen Staat zuzuordnen illustriert eindeutig eine Ablehnung der Existenz Israels. Inzwischen ist diese Info von der Veranstaltungsankündigung entfernt worden. Wir gehen davon aus, dass dies eine Reaktion auf eine kritische Nachfrage unsererseits ist, eine Antwort vom Mensch Meier blieb jedoch bisher aus.

In der Facebook-Veranstaltung ist der Film „Palestine Underground“ verlinkt. Der Film stellt die arabische Techno-Szene in Ramallah und Haifa vor und porträtiert die Beteiligten der ersten Boiler Room Party in Ramallah. Protagonist*innen des Films, Sama und die Jazar Crew, sind ebenso Gäste der Party im Mensch Meier. Eingeleitet wird der Film mit einer klaren Botschaft: „this documentary refers to the territory [gemeint ist Israel] as occupied palestine/ `48“. Damit wird schnell klar: Der jüdische Staat im Nahen Osten wird als fremd im arabischen Raum gezeichnet. Die Ablehnung der Existenz Israels wird sowohl von Seiten der Filmemacher*innen, als auch der Porträtierten unverschleiert kundgetan. Gestützt wird diese Haltung durch ein schon oft vorgebrachtes „antizionistisches“ Narrativ. Im Film heißt es: „Palestinians co-existed before Israel was created. Palestinian Jews, Palestinian Moslems, Palestinian Christians were all living together here and there was no seperation of religion. And then in 1948, Zionists created Israel and thats when there was no coexistance anymore“. Diese Vorstellung, vor 1948 hätten alle Menschen vor Ort friedlich zusammengelebt und einzig und allein die Gründung Israels hätte diesen seeligen Zustand beendet, eignet sich ausgezeichnet für „antizionistische“ Propaganda, hat aber mit den historischen Fakten wenig zu tun. Das Massaker von Hebron 1929, bei dem 67 jüdische Einwohner*innen der Stadt von Araber*innen ermordet wurden oder die Unterstützung des nationalsozialistischen Vernichtungsprogramms durch den politischen und geistigen Führer der Araber*innen in der Region, den Großmufti von Jerusalem, entlarven diese Vorstellung als das, was sie ist: Ein Märchen. Und auch den Krieg brachte nicht die Staatsgründung Israels, sondern die arabischen Staaten, die den nur wenige Stunden alten jüdischen Staat mit militärischer Gewalt vernichten wollten.

Auch das Kartenmaterial ist nur scheinbar seriös. In vier Karten soll illustriert werden, wie arabisches Land zunehmend besetzt wird. Das verwendete Material belegt aber höchstens eine sehr lasche Haltung zu historischen Fakten und einen überaus kreativen Umgang mit kartografischen Arbeitsweisen. Dieser alte Kartenspielertrick wurde bereits vielfach aufedeckt, von daher sparen wir uns die Mühe an dieser Stelle und verweisen auf ausführliche Darstellungen[4].

Die totale Ablehnung der Existenz Israels zeigt sich dabei nicht nur im Film, sondern auch in seiner Entstehungsgeschichte. So berichten etwa die Filmemacher*innen, dass sie extra Konten einrichteten, um den Mitwirkenden ihre Gagen nicht über israelische Banken überweisen zu müssen [5]. Diese der BDS-Bewegung entlehnte Praxis spiegelt sich auch bei der dort porträtierten und im Mensch Meier beteiligten Jazar-Crew, die nach eigener Aussage ihre Mitwirkung an die Bedingung knüpfte, dass Boiler-Room Tel Aviv aufgelöst wird[6]. Auch Sama, die ebenfalls im Film vorgestellt wird und im Mensch Meier auftreten soll, ist aktive Unterstützerin von BDS. In einem Interview sagt sie dazu: „BDS sind die Einzigen, die wahrlich danach streben die palästinensischen Interessen zu schützen. Ihre Arbeit ist wichtig für uns. Sie haben uns eine Stimme und Waffen für den geistigen Kampf gegeben“[7]. Die Existenz Israels und die Anwesenheit seiner jüdischen Bewohner*innen lehnt sie ab. „The Israeli narrative suggests their presence in Palestine thousands of years ago justifies their current occupation. In other words, they have constructed a false sense of legitimacy, built around a reconstructed, fantasized, and ancient past.“[8]

Zusammenfassend bleibt zu sagen: Sollte die Veranstaltung wie geplant durchgeführt werden, dann bietet das Mensch Meier seine Räumlichkeiten für eine nur mühsam als Antizionismus verklausulierte antisemitische Veranstaltung an, bei der nicht nur Israelfeinde hinter den Plattentellern stehen, sondern auch handfeste Propaganda verbreitet wird. Unsere bisherigen Bemühungen mit dem Mensch Meier in einen Austausch zu treten sind ohne Antwort geblieben. Es bleibt damit leider festzustellen, dass die Ignoranz gegenüber Antisemitismus innerhalb der sich als linkspolitisch-verstehenden Technoszene anhält. In der Konsequenz haben wir für uns entschieden eine Teilnahme mit einem Workshop bei der Veranstaltung Patriarchat Wegbassen im Mensch Meier abzusagen und fordern das Kollektiv jetzt öffentlich auf Stellung zu beziehen und sich zu äußern.

Gegen jeden Antisemitismus – auch in linken Räumen!

Theorie, Kritik & Aktion | Berlin [TKA]

[1] Siehe auf Facebook: facebook.com/events/781468665565596/
und leicht abgewandelt auf der Seite des Mensch Meiers: menschmeier.berlin/event/junoon0219.html
[2] https://www.youtube.com/watch?v=M-R8S7QwO1g
[3] Eine ausführlichere Darstellung der Veranstaltung findet sich bei den Genoss*innen von Konsens Nonsens: konsensnonsens.org/texte/boycott-divestment-sanction-bds-auf-der-fusion-2018/
[4] Nachzulesen etwa bei Alex Feuerherdt: lizaswelt.net/2015/10/01/antizionistischer-kartentrick/ oder MENA-Watch www.mena-watch.com/die-anti-israel-fraktion-und-ihr-verhaeltnis-zur-geschichtlichen-wahrheit/
[5] scenenoise.com/Interviews/the-filmmakers-behind-boiler-room-documentary-palestine-underground
[6] Inwieweit Boiler-Room dieser Aufforderung nachkommt ist leider nicht feststellbar. Allerdings sind seit erscheinen des Films keine Videos mehr von Boiler-Room Tel Aviv auf youtube erschienen.
[7] Im Original: „BDS sont les dernières personnes qui cherchent vraiment à protéger les intérêts palestiniens. Leur travail est important pour nous. Ils nous donnent une voix et des armes pour combattre intelligemment”.
[8] middle-east-online.com/en/music-scene-palestinian-territories-echoes-resistance-occupation

74 Jahre Befreiung von Auschwitz

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74 Jahre ist es her, dass die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz befreite.
Damit „Auschwitz nicht noch einmal sei“ (Adorno), gilt es zu erinnern und entschlossen gegen Antisemitismus und Entmenschlichung zu kämpfen.

TKA-Tresen: Filmabend „Das Weiterleben der Ruth Klüger“

Es ist wieder TKA-Tresen im Projektraum!

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Gedenken an die Reichspogromnacht – 9. November laden wir ein und zeigen den Film „Das Weiterleben der Ruth Klüger“.

„Es ist eine Sache, den Holocaust überlebt zu haben. Aber es ist eine andere, danach zu fragen, wie sich dieses Leben nach dem Überleben gestaltet hat und welche Spuren die Erfahrungen von Verfolgung und Todesbedrohung im Leben einer Überlebenden hinterlassen haben.

„Das Weiterleben der Ruth Klüger“ portraitiert die aus Wien stammende amerikanische Literaturwissenschafterin Ruth Klüger vor dem Hintergrund dieser Frage. Und zwar an den vier Orten, die ihr Leben bestimmt haben: Wien, Kalifornien, Göttingen und Israel.

Ruth Klüger lässt den Zuschauer/die Zuschauerin auch in sehr intimen Situationen an ihrem Nachdenken teilnehmen: über ihre Kindheit im „judenkinderfeindlichen“ Wien, ihre Eltern, ihre eigene Rolle als Mutter
zweier amerikanischer Söhne, über ihr Frausein und den Umgang von Gedenkstätten mit dem Gedenken. In keinem Moment des Filmes ist sie pathetisch oder eitel. Ihr Denken ist präzise und immer wieder schonungslos sich selbst und anderen gegenüber.“

Plakat Ruth Krüger

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 08.11.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

Auch nach 80 Jahren – Kein Vergessen! Kein Vergeben!

9. November 2018 – 17 Uhr | Mahnmal Levetzowstraße, Berlin Moabit Gedenkkundgebung und anschließende antifaschistische Demonstration

»Je näher wir an Berlins Mitte mit seinen vielen jüdischen Läden kamen, desto mehr verwüstete Geschäfte entdeckte ich. Überall lagen die Scherben und die Auslagen der Schaufenster auf den Gehwegen herum. Ich kann mich an einen SA-Mann erinnern, der zwei elegant gekleidete Schaufensterpuppen in die Gosse warf. Nun hörte ich auch das Gebrüll der Nazi-Meute: „Judenschwein!“, hallte es durch die Straßen.«

So erlebte Ruth Winkelmann, damals Schülerin an einer jüdischen Mädchenschule in Berlin-Mitte ihren Schulweg am 10. November 1938. Sie beschreibt den 9. November 1938 als den Tag, der ihre unbeschwerte Kindheit beendete. Ihre Schule wurde bald geschlossen, sie musste Zwangsarbeit leisten, entkam mehrere Male knapp der Deportation. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet. Ihre kleine Schwester starb, drei Tage nach ihrem achten Geburtstag im März 1945 an Typhus, im Versteck in einer Berliner Laubenkolonie.

Am 9. November 1938 fanden die Novemberpogrome ihren Höhepunkt. Im gesamten Deutschen Reich wurden Jüdinnen*Juden verschleppt, vergewaltigt, inhaftiert und ermordet. Jüdische Geschäfte, Wohnungen, Gemeindehäuser und Synagogen wurden geplündert, zerstört und in Brand gesteckt. Auf den Straßen brach sich der gewalttätige deutsche Antisemitismus Bahn, der staatlich angestoßen und koordiniert wurde. SA und SS führten die Morde, Brandstiftungen und Verwüstungen an. Die nicht-jüdische Bevölkerung beteiligte sich aktiv an dem Pogrom oder stimmte mit ihrem Schweigen zu.

Auftakt zur Vernichtung

Insgesamt wurden in den Tagen um den 9. November 1.300 Jüdinnen*Juden ermordet, über die Hälfte der Gebetshäuser und Synagogen in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Ab dem 10. November erfolgte die Deportation von 30.000 Jüdinnen*Juden, davon allein 6.000 Berliner*innen in Konzentrationslager. Die Pogrome waren der Auftakt zur Vernichtung. Bis zum 9. November 1938 hatte das nationalsozialistische Deutschland Jüdinnen*Juden Schritt für Schritt aus der Gesellschaft ausgegrenzt: mit Berufsverboten, Ausschluss aus den Universitäten, später mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ sowie der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen begann dann 1939 die NS-Eroberungspolitik. Hinter den Truppen der nach Osteuropa vorrückenden Wehrmacht folgten die deutschen Einsatzgruppen, die als „Volksfeinde“ gebrandmarkte Menschen in Massenerschießungen ermordeten. Neben Jüdinnen*Juden wurden Rom*nja, Sinti*zza, psychisch kranke und geistig behinderte Menschen sowie Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen ermordet. Die NS-Vernichtungspolitik gipfelte in der Shoah, dem industriellen Massenmord: Bis 1945 ermordeten die Deutschen sechs Millionen Jüdinnen*Juden.

German Gedächtnis

Nach 1945 war die spezifisch deutsche Erinnerung bestimmt von der Hervorhebung einzelner pathologisierter Verbrecher. Demgegenüber behauptete der Großteil der deutschen Bevölkerung nichts von den – laut dem heutigen Stand der Forschung – über 42.000 Orten nationalsozialistischer Verbrechen in Europa gewusst zu haben. Mit dem Abbruch der Entnazifizierung in der BRD, erhielt der Nationalsozialismus als eine aufzuarbeitende Geschichte, erst in den 1960er Jahren durch den Eichmannprozess und die Auschwitzprozesse wieder Beachtung – und das auch nur mit Widerstand gegen die in die Staatsapparate reintegrierte NS-Funktionselite. Die Frage der Erinnerung bleibt in Deutschland stets mit dem Versuch der Schuldloslösung verbunden. Die Etappen und Nuancen reichen vom Beschweigen und Verdrängen der Täter*innengeneration, der unvollständigen Anklage der 68er-Bewegung, bis hin zur öffentlichen Empörung über den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrendenkmal des Warschauer Ghettos 1970. Dieser steht symptomatisch für den Wandel der deutschen „Verleugnungsgemeinschaft“ zu einer vermeintlich vorbildlichen „Erinnerungsgemeinschaft“, die schließlich um ihr Holocaustmahnmal „beneidet“ werden sollte. Tatsächlich dauerte es jedoch bis weit in die 2000er Jahre bis sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, Homosexuelle, Opfer sozialrassistischer Verfolgung sowie Sinti*zza, Rom*nja und Jenisch, kranke und geistig behinderte Menschen als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Bis heute müssen Opfer in der Rolle der Bittsteller*innen auftreten und bekommen Entschädigungszahlungen vorenthalten. Das mag erst einmal widersprüchlich wirken, ist doch die Geschichte der Wiedergutwerdung der Deutschen zu einem Gründungsmythos der BRD gereift. Diese habe sich in Negation zum Nationalsozialismus gegründet und kämpfe nun aufrecht gegen das Böse. Deutscher Antisemitismus besteht in jener Erzählung nur in historischer Form. Doch die andauernde Verweigerungshaltung gegenüber Geschädigten macht es sehr deutlich: Eine tatsächliche Aufarbeitung der Verbrechen und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Nationalsozialismus hervorgebracht haben, hat es nie gegeben. Die toten Jüdinnen*Juden dienen lediglich als Fundament einer neuen nationalen Selbstvergewisserung.

Antisemitismus, eine deutsche Normalität

Mit der Alternative für Deutschland (AfD) ist im letzten Jahr eine Partei in den Bundestag eingezogen, die autoritären Bedürfnissen und völkischem Denken der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen bedeutenden Platz einräumt. Instrument ihrer Politik ist dabei nicht selten ein ekelhafter Geschichtsrevisionismus. So zeigte im Juli diesen Jahres eine AfD-Besucher*innen-Gruppe der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen ihre Verachtung für das Gedenken an die Opfer der Shoah: An einem Ort an dem zehntausende Menschen ermordet wurden zog die Gruppe die Existenz von Gaskammern in Zweifel, relativierte und verharmloste die Verbrechen und warf der Gedenkstätte Manipulation vor. Solche Ausfälle zeigen sich auf allen Ebenen in der AfD, von der Basis bis zum Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland. Dieser behauptete auf dem Bundeskongress der Jungen Alternative im Juni 2018, dass der Nationalsozialismus nur ein »Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte« sei. Industrieller Massenmord soll so zu einer geschichtlichen Randnotiz erklärt werden um sich endlich ungehemmt dem nationalen Taumel hingeben zu können. Durch ihre Sitze in Landtagen und im Bundestag versucht die AfD Einfluss auf Kuratorien und Stiftungsräte von NS-Gedenkstätten zu nehmen um deren Arbeit entsprechend zu beeinflussen. Oft haben alle in den Parlamenten vertretenen Parteien dort Sitz und Stimme. »Der bloße Gedanke, dass ein Vertreter einer Partei, die die zwölf Jahre des Naziregimes wegstreichen will und eine deutlich antisemitische Haltung an den Tag legt, in dem Stiftungsrat sitzen wird, bereitet uns Überlebenden und deren Nachfolgern größte Besorgnis«, schrieb dazu 2017 die Vertreterin der „Amicale des Anciens Déportés de Bergen-Belsen“.

Während in der deutschen Mehrheitsgesellschaft also erneut in Frage gestellt wird, ob die Auseinandersetzung mit der Shoah relevant sei, sehen sich Jüdinnen*Juden in Deutschland zunehmend durch verschiedene Formen des Antisemitismus bedroht. In Bonn wurde der israelische Professor Jitzchak Jochanan Melamed im Juli diesen Jahres geschlagen, ihm wurde die Kippa vom Kopf gerissen und er wurde antisemitisch beleidigt. Als die von seiner Begleiterin gerufene Polizei eintraf, hielten die Beamten ihn für den Täter, warfen ihn zu Boden und schlugen ihm ins Gesicht. Auf der Wache sollte Melamed von einer Beschwerde abgebracht werden, ihm wurde gedroht: »Leg dich nicht mit der deutschen Polizei an.«

Das auch für einige „besorgte Bürger*innen“ der Schritt von Demonstrationen zu Überfällen auf Jüdinnen*Juden nur ein kurzer ist, zeigt der Überfall auf das jüdische Restaurant Shalom: Nach einem rassistischen Aufmarsch in Chemnitz am 27. August 2018 griffen Neonazis unter dem Ruf »Hau ab aus Deutschland, du Judensau!« das Lokal an. Es war nicht der erste Angriff auf das „Shalom“. Seit der Eröffnung im Jahre 2000 wurden immer wieder Scheiben eingeworfen und Schweinsköpfe vor dem Lokal abgelegt.

Antisemitismus stellt für die Betroffenen eine große Bedrohung und Verunsicherung dar. In der Folge verzichten viele Jüdinnen*Juden im öffentlichen Raum auf alles, was sie als jüdisch erkennbar machen könnte. Die Mehrheit erlebt aber selbst dann antisemitische Andeutungen oder offene Anfeindungen. Gerade in „Sozialen Netzwerken“ häufen sich Fälle von Bedrohungen und antisemitischer Propaganda eklatant. Die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus zählte allein für Berlin 2017 947 antisemitische Vorfälle pro Jahr. Die Dunkelziffer dürfte noch größer sein. Eine strafrechtliche Verfolgung findet selten statt.

Ob es die deutsche Mehrheitsbevölkerung wahrhaben will oder nicht, ob sie es leugnet oder Antisemitismus ausschließlich in migrantischen Communities verortet: dieser ist weiterhin auch in der deutschen Mehrheitsgesellschaft anwesend. Er äußert sich in verschwörungsideologischen Bedrohungsfantasien, in Dämonisierung des israelischen Staates oder ganz konkret in Schmierereien und körperlichen Angriffen. Die dringend notwendige Solidarität bei antisemitischer Gewalt und Ausgrenzung ist jedoch auch in der linken Szene zu oft nicht selbstverständlich. Der nicht-jüdische Teil der Bevölkerung „gewöhnt“ sich an Gewalt und Verfolgung – und stimmt mit ein.

Damit bleibt das Leben von Jüdinnen*Juden in Deutschland bedroht. Gerade deshalb gilt es für Antifaschist*innen den Staat Israel, das heißt den Staat der Überlebenden der Shoah, als Zufluchtsort und notwendige Sicherheitsgarantie für Jüdinnen*Juden zu verteidigen.

»Erinnern heißt handeln« (Esther Bejarano, Auschwitz-Komitee)

Wenn wir heute an die Novemberpogrome von 1938 erinnern, heißt das, dass wir ihrer Opfer gedenken, ihnen Namen und Geschichten geben. Es heißt auch, dass wir antifaschistisch wachsam sind gegenüber einer Gesellschaft, deren autoritäre und Ressentiment geladene Tendenzen wieder offen zu Tage treten. Die Novemberpogrome stellten einen frühen Höhepunkt der antisemitischen Verfolgung dar, aber passierten nicht aus dem Nichts heraus. Die deutsche Gesellschaft stimmte aktiv in die Vernichtungspolitik ein. Viele überlebende Opfer des Nationalsozialismus haben durch ihren lebenslangen Einsatz antifaschistische Kämpfe entscheidend geprägt. Wir werden diese bald ohne sie weiter führen und eigene Worte und Wege finden müssen.

Begleiten werden uns dabei die Worte von Esther Bejarano: »Aus der Erfahrung unseres Lebens sagen wir: Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten!«

Dem Gedenken an die deutschen NS-Verbrechen auch weiterhin Gehör zu verschaffen sowie Konsequenzen daraus einzufordern, bleibt eine der wichtigsten Aufgabe für alle Antifaschist*innen.

Wir wollen ein Gedenken, das die Täter*innen und Mittäter*innen benennt, das aber vor allem Raum lässt für die Erinnerung an die Opfer. Ein Gedenken, das entschieden für heutiges jüdisches Leben und dessen Schutz eintritt.

Gedenken und kämpfen wir gemeinsam: Kommt am 9. November zur Gedenkkundgebung und anschließend zur antifaschistischen Demonstration nach Moabit.

9. November 2018 – 17 Uhr | Mahnmal Levetzowstraße, Berlin Moabit

Soliparty am 20. Oktober 2018

Auch linksradikale Arbeit kostet Geld.
Daher veranstalten wir am 20. Oktober 2018 ab 21 Uhr eine Soliparty in der Supamolly.

Mit dabei sind Das Flug (Elektro-Punk aus Berlin), Hallucination Generation (Psychedelic Blues Punk aus Leipzig), Koffer (Punk aus Berlin) und die DJ*anes NoCapNoStyle (female HipHop / Trap), Schmidt & Fischer (New Wave / Punk) und Marlene & Dietrich (80er, 90er und all-time-favourites).

Kommt vorbei und feiert mit uns!

20. Oktober 2018 | 21 Uhr | Supamolly (Jessner Str. 41, 10247 Berlin)

TKA-Tresen: Filmabend „Die Mondverschwörung“

Nach dem Tresen ist vor dem Tresen!

Wir laden ein und zeigen den Film „Die Mondverschwörung“ und damit den Nachfolgefilm von „Deckname Dennis“ (gesehen auf dem allerersten TKA-Tresen!).

Wieder einmal wird der Journalist Dennis Mascarenas recherchieren. Diesmal zur Frage, was die Deutschen mit dem Mond vorhaben. Der Film zeigt auf skurile und witzige Art die Abgründe der Esoterik und Verschwörungstheorien.

Plakat Die Mondverschwoerung

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Donnerstag 20.09.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen: „Of Frogs and Men. Zur Geschlechterideologie der Alt-Right.“ – Vortrag von Veronika Kracher

Wir laden wieder einmal zu unserem Tresen.

Im Rahmen der What The Fuck Proteste haben wir dieses Mal Veronika Kracher mit ihrem Vortrag „Of Frogs and Men. Zur Geschlechterideologie der Alt-Right“ zu Gast.

Das Geschlechterbild der Neuen Rechten artikuliert sich in der Aufwertung weißer Männlichkeit durch die permanente Abwertung des Nicht-Männlichen, als auch des vermeintlich Fremden. Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus treten hier nicht zufällig zusammen auf, sondern bedingen sich gegenseitig in dem Versuch einer verschwörungsideologischen Welterklärung, die im Vortrag mit einem besonderen Fokus auf die amerikanische Alt-Right analysiert wird.

Veronika Kracher schreibt als freie Journalistin unter anderem für die »konkret«, »Jungle World« und »taz«, hauptsächlich über feministische Themenfelder.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 13.09.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

WHAT THE FUCK?! – MY BODY! MY CHOICE!

Am 22. September 2018 findet in Berlin erneut der ‚Marsch für das Leben‘ von christlichen FundamentalistInnen und selbsternannten „Lebensschützern“ statt. Wir werden diesen sabotieren!

Außerdem laden wir dazu ein, am Abend davor auf die Straße zu gehen. Gemeinsam mit lauter Musik gegen antifeministische Treffpunkte und Zusammenschlüsse in Berlin – und überall. Für eine befreite und emanzipatorische Gesellschaft!

21. September 2018 – 18h am S+U Friedrichstraße

Wir kämpfen:

– für sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung.

– für die Abschaffung der Paragrafen §218 und §219 StGB, um endlich das Recht auf Abtreibung und einen leichten Zugang zu Informationen darüber umzusetzen.

– dafür, dass Abtreibungen als medizinische Leistung von der Krankenkasse bezahlt und anerkannt werden. Damit Schwangere nicht auf den Kosten sitzen bleiben.

– dafür, dass Krankenhäuser Schwangerschaftsabbrüche anbieten sowie durchführen müssen und diese Teil der medizinischen Ausbildung werden.

– dafür, dass alle Menschen selbst entscheiden können, ob sie (weitere) Kinder bekommen oder nicht. Das schließt kostenlose Verhütungsmittel mit ein.

– dafür, dass es keine Rolle spielt, ob ein Kind mit oder ohne Behinderungen auf die Welt kommt. Deshalb sind wir gegen Selektion durch pränatale Diagnostik.

– für eine Gesellschaft, in der alle sexuellen Lebensweisen gleichberechtigt anerkannt sind. Denn wir lieben, wen und wie wir wollen.

Unser feministischer Kampf für ein selbstbestimmtes Leben schließt notwendigerweise den Kampf gegen Staat, Nation und Kapital mit ein. Wenn du dich diesen Forderungen anschließen kannst, dann komm mit uns am Freitag und Samstag auf die Straße, um für feministische Inhalte und gegen den ‚Marsch für das Leben‘ zu demonstrieren!

Marsch für das Leben – What the fuck!

All das wofür wir kämpfen, wird von vielen Seiten angegriffen. Wir erleben seit längerer Zeit einen Rechtsruck und das Erstarken national-konservativer und antifeministischer Positionen.

Am 22. September 2018 mobilisieren Abtreibungsgegner*innen zum ‚Marsch für das Leben‘ in Berlin. Letztes Jahr gingen dort 3.500 Menschen für ein generelles Verbot von Abtreibungen auf die Straße und propagieren ihr christlich-fundamentalistisches Weltbild.

Die selbsternannten „Lebensschützer“ behaupten, Leben retten zu wollen. Doch wer das Leben ungewollt Schwangerer schützen will, muss Abtreibungen legalisieren! Immer noch sterben jeden Tag weltweit rund 130 Schwangere wegen unsicherer Abtreibungen.

Nach §218 StGB sind Schwangerschaftsbrüche in Deutschland eine Straftat und nur unter bestimmten Bedingungen straffrei.
Auf Grundlage des §219a StGB kriminalisieren christliche FundamentalistInnen Ärzt*innen, die z.B. auf ihrer Webseite darüber informieren, dass sie Abtreibungen anbieten.

Die „Lebensschützer“ hetzen zudem gegen queere Menschen/ LGBTIQ* und wollen die heterosexuelle Familie als wichtigste Stütze der Gesellschaft halten.

Es gibt viele Schnittstellen zwischen konservativen, rechten und völkischen Kräften. Mit der Parole „Willkommenskultur für Ungeborene“ machen „Lebensschützer“ zudem deutlich, wer bei ihnen willkommen ist: lieber Ungeborene als Geflüchtete.
Die selbsternannten Lebensschützer arbeiten mit dem rechten Flügel der CDU/CSU, der AfD und Personen, die der extremen Rechten zuzuordnen sind, zusammen.

Wenn du auch kein Bock darauf hast, dass dieser antifeministische und nationalistische Backlash noch lauter wird, dann schließ dich unseren Protesten an!

What the fuck! – gegen christlichen Fundamentalismus und Antifeminismus!

Unsere Antwort: Demonstrieren und Sabotieren!

Lasst uns gemeinsam am 21. September 2018 für eine befreite und emanzipierte Gesellschaft auf die Straße gehen

und am 22. September 2018 den ‚Marsch für das Leben‘ sabotieren, stoppen, unmöglich machen.

TKA-Tresen: Kulturkampf und Gewissen – Ideologie und Organisationsstruktur der ‚Lebensschutz-Bewegung‘ (Vortrag und Diskussion)

Die expliziten Anti-Abtreibungsorganisationen, christlicher Fundamentalismus und neurechter Antifeminismus drängen auch in Deutschland mit ihren Kampagnen in die Öffentlichkeit. Die ‚Lebensschutz‘-Bewegung will in die Offensive: Sie möchte nicht nur die Zugänge zu Schwangerschaftsabbrüchen erschweren, sondern führt auch einen Kulturkampf zur Retraditionalisierung der Geschlechter- und Familienverhältnisse, um christliche Moral und das ärztliche Gewissen. Damit ist sie Teil eines konservativen bis extrem rechten, in Teilen antidemokratischen, Aufwindes: Die „Lebensschutz“-Bewegung kann sich auf gesellschaftliche Diskurse berufen, die von einem breiten Spektrum verschiedener Gruppen bestimmt werden.

In dem Input werden Eike Sanders und Ulli Jentsch vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin apabiz e.V. die Argumentationslinien, neue Strategien und Organisationsstrukturen der „Lebensschutz“-Bewegung in Deutschland und einige internationale Verbindungen beleuchten, danach wird diskutiert. Beide haben zusammen mit der freien Autorin Kirsten Achtelik das Buch „Kulturkampf und Gewissen. Medizinethische Strategien der „Lebensschutz“-Bewegung“ geschrieben, das im März 2018 im Verbrecher Verlag erschienen ist.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 12.07.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

11. Juli Demonstration in Berlin: 5 Jahre NSU-Prozess – Kein Schlussstrich

Zur Urteilsverkündung am 11. Juli im NSU-Prozess wird es den ganzen Tag bundesweit Aktionen und eine Demonstration in München geben. Aktuelles findet ihr beim Bündnis gegen Naziterror und Rassismus München. Für alle, für die das nicht möglich ist, organisiert die Kampagne #irgendwoindeutschland mit einem lokalen Bündnis eine Demonstration in Berlin und Aktionen in anderen Städten. Infos dazu gesammelt hier, der Aufruf unseres lokalen Bündnisses für Berlin:

5 YILDA NSU-DAVASI – BU MESELE BURADA KAPANMAZ! / 5 YEARS OF NSU-TRIAL – NO CLOSURE!

5 JAHRE NSU-PROZESS – KEIN SCHLUSSSTRICH!

Bundesweite Aktionen zur Urteilsverkündung im NSU-Prozess – Demonstration in Berlin am 11. Juli 2018, Treffpunkt: 17 Uhr Platz der Luftbrücke

Das Ende eines endlosen Prozesses

Im Juli 2018 geht der NSU-Prozess nach fünf Jahren zu Ende. Das NSU-Netzwerk war verantwortlich für neun rassistische Morde an Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat, sowie für den Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und dem versuchten Mord an ihrem Kollegen Martin Arnold. Bei den drei Sprengstoffanschlägen in Köln und Nürnberg wurden viele Menschen verletzt, nur durch Glück wurde niemand getötet. Auch die 15 Raub- und Banküberfälle führten zu zum Teil lebensgefährlichen Verletzungen.

Die Betroffenen des NSU-Terrors haben große Hoffnungen in den Prozess gesetzt. Sie wollen wissen, warum ihre Angehörigen sterben mussten und wer den NSU an den Tatorten unterstützte. Sie erwarten Aufklärung über die Verstrickungen von Verfassungschutz und Polizei in den NSU-Komplex. Sie wollen, dass der institutionelle Rassismus, der sie nach den Taten wie eine „Bombe nach der Bombe“ traf, anerkannt wird und Konsequenzen hat.

All das hat der Prozess in München nicht geleistet. Die betroffenen Nebenkläger*innen und ihre Anwält*innen haben immer wieder versucht, diese Aspekte in den Prozess hineinzutragen. Die Bundesanwaltschaft hält dagegen bis zum Ende an ihrer – widerlegten – These vom NSU als “isoliertem Trio” fest. Viele Fragen zu den Taten des NSU, zum Netzwerk und der Rolle der Behörden wurden im Münchner Prozess nahezu systematisch ausgeklammert und sind bis heute nicht aufgeklärt.

Das Problem heißt Rassismus

Rassismus ist eine tragende Säule des NSU-Komplexes. Der NSU entstand nicht im sozialen Vakuum. Er ist eine direkte Folge der rassistischen Pogrome und Anschläge der 1990er Jahre, die durch die Abschaffung des Asylrechts 1993 politisch belohnt wurden und für Nazis das Signal aussendeten: Mit Rassismus kommt man ungestraft davon. Bis heute werden rechte und rassistische Gewalt von der Mehrheitsgesellschaft und von Polizei und Justiz verharmlost. Noch schwieriger ist es, institutionellen Rassismus zu thematisieren – nicht nur im Fall NSU, sondern auch im Fall rassistischer Polizeikontrollen in Zügen, an Bahnhöfen und im öffentlichen Raum.

Dass das Problem Rassismus heißt, wissen diejenigen am besten, die davon betroffen sind. Das Umfeld aller neun Mordopfer bestand früh darauf, eine rassistische Tatmotivation in die Ermittlungen einzubeziehen. Dass ihr Wissen 11 Jahre nicht gehört wurde, ist auf Rassismus zurückzuführen. Wieso jagte eine „SOKO Bosporus“ den „Döner-Mörder“ und nicht eine „SOKO Zwickau“ die „Nazi-Killer“? Wieso folgten die Medien fast ausnahmslos den Theorien der Sicherheitsbehörden? Und wieso wurden die Demonstrationen der Familien Kubaşık und Yozgat 2006 in Kassel und Dortmund auch von den meisten organisierten Antirassisten*innen und Antifaschist*innen in Deutschland, trotz der Erfahrungen der Pogrome der 1990er Jahre, als nicht relevant für die eigene solidarische Praxis wahrgenommen? Antifaschistische Strukturen waren blind in der Wahrnehmung der Anliegen der Demonstrant*innen und haben die Dimensionen sowie Gefahr organisierter Nazi-Gruppen nicht ernst genommen.

Die Strukturen und Wahrnehmungsmuster der Polizei, Medien und auch der Linken konnten nahtlos an gesellschaftlich geteiltes rassistisches Wissen anknüpfen. Der offene völkische Rassismus der Nazis und der alltägliche institutionalisierte Rassismus von Sicherheitsbehörden, Medien und Mehrheitsgesellschaft bilden zusammen mit den staatlich aufgebauten und beschützten Neonazistrukturen den NSU-Komplex. NSU bedeutet – Rassismus, Staat und Nazis Hand in Hand.

An der Ignoranz gegenüber Rassismus und der Perspektive der Betroffenen hat sich auch nach fast 5 Jahren NSU-Prozess wenig geändert. Die gesellschaftlichen Voraussetzungen für den NSU sind bis heute nicht aus der Welt geschafft. Auf das vollmundige Versprechen der Aufklärung folgte die behördliche Vertuschung, die auch den zahlreichen Untersuchungsausschüssen eine wirkliche Aufklärung unmöglich macht. Auch wenn die Angeklagten in München zu Recht verurteilt werden, drohen den meisten Unterstützer*innen des NSU, wie auch den Verantwortlichen in den Behörden, immer noch keine Konsequenzen.

Eine angemessene Entschädigung der Betroffenen, die durch die rassistischen Ermittlungen zum Teil in den Ruin getrieben wurden, steht weiter aus. Während für Sachschäden nach dem G20-Gipfel in Hamburg kurzfristig und unbürokratisch ein Härtefallfonds eingerichtet wurde, müssen sich die Betroffenen des NSU-Terror ihr Recht auf Entschädigung mühsam vor Gericht erstreiten.

Deutsche Kontinuitäten

Die Gesellschaft und die Behörden Deutschlands folgen hier eingeübten Verhaltensweisen ihrer jüngeren Geschichte. Auch die Opfer des Naziregimes und ihre Angehörigen hatten die Hauptlast und -initiative zur Aufklärung der Verbrechen des deutschen Faschismus zu tragen. Die Mehrheitsgesellschaft, das Täter*innenkollektiv sehnte sich nach einem Schlussstrich, verdrängte die Schuld und lehnte die eigene Verantwortung für den millionenfachen Mord ab. Die Verantwortung wurde auf eine kleine, eingegrenzte und pathologisierte Täter*innengruppe abgeschoben – Hitler, die NSDAP, die SS.

Antisemitismus ist Teil des Problems

Zum ideologischen Fundament des NSU gehörte auch Antisemitismus. Im nationalsozialistischen Weltbild des NSU besteht ein enger Zusammenhang zwischen rassischem Antisemitismus, der sich gegen Jüdinnen* und Juden richtet und Rassismus, der auf Migrant*innen und POC zielt. Die Ideologie von der Überlegenheit der „weißen Rasse“ geht mit der Vorstellung einher, diese sei durch eine „übermächtige jüdische Weltverschwörung“ einerseits und durch Zuwanderung und Vermischung mit „minderwertigen Fremden“ andererseits bedroht. Dieser Logik folgen die „Turner Diaries“, die als eine Vorlage für die NSU-Mordserie gelten. Sie propagieren den Untergrundkampf gegen „das System“, der mit der Ermordung von Schwarzen, Jüdinnen und Juden und Politiker*innen beginnt und mit der Weltherrschaft der „weißen Rasse“ endet.

Antisemitismus äußerte sich auch in den konkreten Taten des NSU. 1996 hängte das NSU-Kerntrio eine Puppe mit der Aufschrift “Jude” und eine Bombenattrappe an einer Autobahnbrücke auf, um damit gegen den Besuch von Ignatz Bubis, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, zu protestieren. Wenige Monate später beteiligte sich Beate Zschäpe an der Verschickung einer Morddrohung an Bubis. Auch das vom NSU-Kerntrio produzierte Spiel “Pogromly” sowie die in der Frühlingsstraße verteilte nationalsozialistische Propaganda verbreitet antisemitische Vernichtungsfantasien. Dieser Zusammenhang wurde bisher sowohl von der Öffentlichkeit als auch im NSU-Prozess weitestgehend verdrängt.

Spuren nach Berlin

Mehrere Spuren des NSU führen auch nach Berlin. Stephan Lange war Deutschland-Chef von „Blood & Honour“ und stand mit zentralen Figuren des NSU in engem Kontakt. Er wurde vom LKA Berlin als Spitzel „Nias“ an den Bundesverfassungsschutz weitergereicht. Thomas Starke wurde seit dem Jahr 2000 vom Berliner Landeskriminalamt als V-Mann in Sachsen geführt. Er hatte drei Jahre vor seiner Anwerbung für das NSU-Kerntrio Sprengstoff besorgt und später bei der Suche nach einem Versteck geholfen. Das LKA Berlin gab mindestens fünf Hinweise auf das NSU-Kerntrio nicht an die fahndenden Behörden weiter. Im Mai 2000 spähten Zschäpe, Mundlos und der „Blood & Honour“-Kader Jan Werner vermutlich die Synagoge in der Berliner Rykestraße aus. Im Jahr 2011 stellte sich der Berliner Polizei die Frage, ob drei Sprengstoffanschläge auf dem Jüdischen Friedhof Heerstraße in Charlottenburg dem NSU zuzurechnen seien. Dort waren 1998 am Grab von Heinz Galinski, dem früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden, zweimal Rohrbomben explodiert und 2002 wurde ein Sprengsatz in den Eingangsbereich des Friedhofs geworfen. Alle diesbezüglichen Ermittlungen blieben bis heute ohne jeden Erfolg. In der Zwickauer Wohnung des NSU fand sich eine Adressliste mit 233 jüdischen Einrichtungen, auf der neben vielen Orten in Berlin auch der Jüdische Friedhof Heerstraße verzeichnet war.

Bis heute gibt es trotz der Forderungen antifaschistischer Initiativen und einer Petition der Berliner Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) keinen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum NSU-Komplex in Berlin, wie er in zahlreichen anderen Bundesländern bereits existiert. Auch unter der rot-rot-grünen Regierung haben sich die Parlamentarier*innen seit einem Jahr nicht entschließen können, mit der Einsetzung eines Untersuchungsausschusses in Berlin ein klares Zeichen der Solidarität und des Aufklärungswillens an die Betroffenen zu senden.

Auch nach den Morden an Burak Bektaş im Jahr 2012 und Luke Holland im Jahr 2015 in Berlin Neukölln gingen weder das LKA Berlin noch das BKA von einem rassistischen Motiv aus – ohne dass es einen überzeugenden Ermittlungsansatz gab, der diese Haltung hätte begründen können. Bektaş‘ Angehörige können und wollen sich damit nicht abfinden. Sie vermuten, dass Burak Bektaş von einem Rassisten erschossen worden sein könnte. Im konsquenten Ausschließen oder Nicht-Benennen rassistischer Mordmotive zeigen sich Parallelen zum Verhalten der Ermittlungsbehörden im NSU-Komplex. Wirkliche Lehren aus dem NSU werden nicht gezogen. Das muss sich ändern!

Die Kontinuität des rechten Terrors und die Realität der Migration

Der NSU war nicht die erste Neonazi-Terrororganisation und auch nicht die letzte. Das zeigen Prozesse gegen rechte Organisationen wie die „Oldschool Society“ oder die „Gruppe Freital“. Daneben häufen sich die Meldungen von immer neuen Waffenfunden bei rechten Strukturen. Die Zahl der Brandanschläge und rassistischen Übergriffe ist in den letzten Jahren gravierend angestiegen. Die Grenzen zwischen Nazis, der Neuen Rechten und besorgten Pegida- oder Bärgida-Bürger*innen, die sich an Anschlägen auf Geflüchtetenunterkünfte beteiligen, sind zunehmend verschwommen und verwoben. Die politischen Entscheidungsträger*innen reagieren mit dem massiven Abbau des Asylrecht, die Ausländerbehörde und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzen auf Abschreckung.

Trotzdem hat der NSU sein Ziel, die Vertreibung von Migrant*innen aus Deutschland, nicht erreicht. Die Angehörigen der Mord- und Anschlagsopfer haben das Land nicht verlassen. Sie haben sich untereinander bundesweit mit anderen Betroffenen rassistischer Morde und mit Unterstützer*innen vernetzt. Sie klagen den Rassismus an und eine Welt ohne Rassismus ein. Auch die Keupstraße hat sich wieder aufgebaut. Hier wurde wie in unzähligen anderen Orten der BRD eine neue, postmigrantische Gesellschaft errichtet, die für uns heute als selbstverständlich gilt. Die über 50-jährige Einwanderung nach Deutschland hatte zivilisatorische Effekte auf dieses postnazistische Land, die weder wegzudemonstrieren noch wegzubomben sind. Stattdessen müssen selbstorganisierter migrantischer Widerstand sowie rassistische wie antisemitische Gesellschaftsstrukturen sichtbar gemacht werden!

Das Ende ist erst der Anfang

Das Ende des NSU-Prozesses ist nicht das Ende der Auseinandersetzung mit dem NSU und der Gesellschaft, die ihn möglich machte. Unabhängig vom Münchner Urteil bleiben mehr Fragen als Antworten. Deshalb mobilisiert das bundesweite „Bündnis gegen Naziterror und Rassismus“ unter dem Motto „Kein Schlussstrich“ zum Tag X, dem Tag der Urteilsverkündigung, nach München. Wir rufen euch auf, am Tag der Urteilsverkündung nach München zu fahren! Wer allerdings nicht nach München fahren kann, kann sich anderen Aktionen, wie unserer Demonstration in Berlin anschließen. Wir möchten unsere Solidarität mit den Angehörigen der Ermordeten, den Opfern der Anschläge und allen Menschen ausdrücken, die von rechtem Terror und behördlichem Rassismus bedroht und betroffen sind. Wir möchten zeigen, dass der NSU-Komplex für uns nicht abgeschlossen ist.

Kein Schlussstrich! – NSU-Komplex aufklären und auflösen!
Rassistischem Terror gegen Geflüchtete und Migrant*innen entgegentreten – Rassismus in Behörden und Gesellschaft bekämpfen!
Aufklärung der rassistischen Morde des NSU durch eine internationale Untersuchungs-kommission und unter Einbeziehung der Angehörigen!
Verfassungsschutz auflösen – V-Leute abschaffen!
Einrichtung eines parlamentarischen NSU-Untersuchungsausschusses für Berlin!

Fahrt am 11.07. nach München. Kommt zur Demo in Berlin. Treffpunkt: 17 Uhr Platz der Luftbrücke. Ein entschlossenes Zeichen setzen!

Informationen zur Demonstration und Aktionen am Tag X findet ihr für

München: nsuprozess.net

Berlin & anderswo: irgendwoindeutschland.org/nsu

Elemente des linken Antisemitismus – ein Vortrag von Tina Sanders

Vorgestellt wird eine Einführung in die Elemente des Antisemitismus in der deutschen Linken, die sich aus antikapitalistischen und antirassistischen Ansprüchen sowie der Abwehr der kollektiven Schuld der Deutschen am Holocaust speisen. Es gilt aufzuzeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Diskrimmierungsform „wie jede andere“ handelt, sondern um ein Weltbild, das dogmatisch Kapital und Nationen in „gut“ und „böse“ unterteilt. Dies schlägt sich in Antizionismus (Feindschaft gegenüber dem jüdischen Staat Israel) nieder, der oftmals die Basis des heutigen Antisemitismus bildet.

Neben dem Vortrag von Tina Sanders wird es eine kurze Vorstellung der Broschüre „(K)eine Diskussion! – Antisemitismus in der radikalen Linken“ geben.

Dienstag, 29. Mai um 20:00 Uhr im k-fetisch.

Save the Date: 09. Juni 2018 – KEIN AL QUDS-TAG! GEGEN JEDEN ANTISEMITISMUS!

Gegen jeden Antisemitismus – Kein Quds-Marsch in Berlin!

22 Jahre – so lange schon ziehen Jahr für Jahr hunderte Antisemit*innen zum Al Quds-Tag durch Berlin. Sie demonstrieren für die Vernichtung Israels und seiner jüdischen Bewohner*innen. Ihren Marsch inszenieren sie als „Kampftag der Unterdrückten der Welt“. Doch ihr Kampf ist vor allem eines: ein Kampf gegen die Existenz von Jüdinnen*Juden. Ausgestattet mit den Symbolen der Hisbollah, des iranischen Regimes und anderer mörderischer Antisemit*innen werden sie auch 2018 wieder durch Charlottenburg ziehen.

39 Jahre – so lange ist es her, seit das islamistische Regime im Iran die Macht übernommen hat. Kaum an der Macht, rief Ayatollah Chomeini den Al Quds-Tag aus. Er rief alle Muslime weltweit dazu auf, am letzten Freitag im Ramadan für die Eroberung Jerusalems zu demonstrieren. Und bis heute folgen ihm Unzählige. In Teheran beim staatlich verordneten Feiertag, in London, in Wien und in Berlin. Der Kampf gegen Israel, so hieß es anlässlich des ersten Al Quds-Tages, stelle „das Hauptziel des langfristigen Jihad des iranischen Volkes gegen die Feinde der Menschheit dar“. Und so ist es bis heute. Der mörderische Antisemitismus ist konstituierender Bestandteil der Staatsideologie. Er äußert sich in den fortlaufenden Versuchen Atomwaffen gegen Israel zu beschaffen genauso, wie bei dem im Iran stattfindenden „Hourglass Festival“, bei dem in diesem Jahr die baldige Zerstörung Israels gefeiert werden und dessen Abschlusszeremonie am Al Quds-Tag stattfinden soll.
Aber nicht nur Israel wird seit 1979 vom Regime bedroht, auch unzählige Menschen im Iran selbst. Denn auch unter dem von der deutschen Appeasement Politik als Reformer angepriesenen Hassan Rohani müssen Homosexuelle fürchten öffentlich hingerichtet zu werden. Frauen werden eingesperrt und gefoltert, wenn sie gegen die religiös patriarchalen Vorstellungen der Mullahs verstoßen. Und alle, die ein Leben ohne den Islam führen wollen, müssen fürchten als Ungläubige verfolgt und getötet zu werden.

70 Jahre – seit 1948 bietet Israel allen Menschen, die als Jüdinnen*Juden verfolgt werden Schutz. Es ist ein Ort, an dem die Überlebenden der Shoah Sicherheit finden konnten. Es ist ein Ort, an dem unzählige Menschen, die aus den unterschiedlichsten Ländern vertrieben worden sind, frei von der Furcht leben können auf Grund ihres Jüdisch-Seins verfolgt zu werden. Es ist vor allem ein Ort, an dem der Schutz von Jüdinnen*Juden in den Händen ebenjener liegt. Die Geschichte hat gezeigt, dass es kein Verlass darauf gibt, dass andere Willens und in Lage dazu sind diesen Schutz zu garantieren. Und die Gegenwart bestätigt diese Erkenntnis. Die Bundesregierung hofiert regelmäßig das iranische Regime und aus Deutschland fließen aktuell riesige Summen in den Iran, die auch dazu beitragen, das Land auf einen Krieg gegen Israel vorzubereiten. Deutsche Exporte tragen dazu bei das Regime aufzurüsten. So wurde etwa mit Bestätigung des Bundeswirtschaftsministerium Material in den Iran geliefert, das dort zur Herstellung von Chemiewaffen genutzt werden kann.

73 Jahre – seit dem 8. Mai 1945 gibt es angeblich keinen Antisemitismus mehr in Deutschland. Auf wundersame Weise scheint sich an diesem Tag die Nation der Täter*innen, die Nation, die Auschwitz möglich gemacht hat, in eine Nation frei von Antisemitismus verwandelt zu haben. Antisemitismus findet seither nur noch in staubigen Geschichtsbüchern und bei alljährlichen Kranzabwurforgien Erwähnung. Und doch war er immer da. Er war 1959 da, als von Köln ausgehend in ganz Deutschland innerhalb eines Monats etwa 700 jüdische Einrichtungen von unbekannten Täter*innen mit Hakenkreuzen beschmiert wurden. Er war 1969 da, als Linke, um den Kommune 1 Gründer Dieter Kunzelmann, versuchten hunderte Shoah-Überlebende bei einer Gedenkveranstaltung am 9. November in Berlin-Charlottenburg mit einer Brandbombe zu verbrennen. Er war 1985 da, als Helmut Kohl am Grab von Männern der Waffen-SS einen Kranz niederlegte. Er war da, als im Freudentaumel der Wiedervereinigung von allen Seiten die Rufe nach einem Schlussstrich unter der deutschen Geschichte laut wurden. Und er ist heute da, wenn die Recherche und Informationsstelle Antisemitismus allein in Berlin über 1100 antisemitische Vorfälle in einem Jahr zählt.
In den letzten Jahren ist häufig die Rede von einem “importierten Antisemitismus”, der mit Geflüchteten aus muslimischen Ländern gekommen sei. Während also Rechtspopulist*innen und weite Teile der deutschen Gesellschaft den Kampf gegen Antisemitismus unter Muslimas*Muslimen nur aus einer rassistischen Motivation heraus führen, leugnen und verstecken sie den eigenen Antisemitismus. Doch die Deutschen haben auch nach 1945 immer wieder bewiesen, dass sie keine Hilfe von außen brauchen um Jüdinnen*Juden zu bedrohen.

12 Monate – vor einem Jahr waren wir das letzte Mal gegen den Al Quds-Marsch auf der Straße. Und auch in diesem Jahr werden wir wieder da sein. Wir werden demonstrieren gegen die Klerikalfaschist*innen, gegen die Verschwörungsideolog*innen, gegen alle, die am 9. Juni ihren antisemitischen Hass auf den Ku’damm bringen werden. Es steht zu befürchten, dass sie in diesem Jahr noch selbstbewusster auftreten. Vom Iran befehligte Truppen stehen in Syrien nicht weit von der israelischen Grenze, die Bundesregierung unterstützt das Regime in einer bislang unbekannten Intensität und die Hamas hat mit dem Marsch auf die israelische Grenze einen weltweiten PR-Coup gelandet.
Aber auch der anhaltende Widerstand gegen das iranische Regime hat Aufwind in diesem Jahr. Die Berichte über die massiven Proteste in den vergangenen Monaten haben gezeigt, dass das Regime im Iran nicht unhinterfragt bleibt. Symbolisch für das Streben nach Freiheit sind die Bilder von Frauen, die dem Beispiel von Vida Movahed folgten, die aus Protest gegen die repressive Ordnung im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg – in ihrer Hand einen Stock, darauf ihr weißes Kopftuch.

Heute – die Demonstration zum Al Quds Tag ist einer der größten antisemitischen Aufmärsche in Berlin. Für uns als antifaschistisches Bündnis ist deshalb klar: 22 Jahre Al Quds-Tag in Berlin sind 22 Jahre zu viel! Nicht nur am Al Quds-Tag, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres gilt es, sich jeglicher Form von Antisemitismus und Antizionismus entgegenzustellen. Antifaschismus bedeutet einzustehen für das Selbstverteidigungsrecht des Schutzraums von Jüdinnen*Juden, bedeutet Solidarität mit Israel gegen die tagtäglichen Vernichtungsdrohungen.
Es gilt, eine emanzipatorische Kritik am politischen Islam und seinen Vertreter*innen zu formulieren, an islamistischer Agitation in Deutschland und Europa, am Terror von Hamas, Hisbollah. Ebenso gilt es, den deutschen Kooperationen mit diktatorischen Regimen wie dem Iran entgegenzutreten und der finanziellen und politischen Förderung aus dem Iran gesteuerter Verbände, wozu die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden (IGS) und das Islamische Zentrum Hamburg gehören. Antifaschismus heißt auch, sich all dem in den Weg zu stellen, ohne scheinheilige Zurückhaltung im Sinne einer angeblich größeren linken Sache. Dabei stehen wir ebenso an der Seite der Verfolgten und der Opfer des politischen Islam und der islamistischen Regime, die seit Jahren vor Ort ihr Leben für Menschenrechte und Meinungsfreiheit riskieren.

Weg mit dem Al Quds-Tag!
Weg mit dem islamischen Regime!
Gegen jeden Antisemitismus!
Nie wieder Deutschland!
Solidarität mit Israel!

Antifaschistische Demonstration:
Samstag 9. Juni 2018 | 12.00 Uhr
Auftaktkundgebung: U-Bahnhof Wilmersdorfer Straße (Wilmersdorfer Straße Ecke Kantstraße)
Abschlusskundgebung: Adenauerplatz

Weitere Infos auf der Seite des Antifaschistischen Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag.

73. Jahrestag der Befreiung

Vor 73 Jahren wurde die Welt vom deutschen Faschismus befreit. Danke! Wir feiern.

TKA-Tresen: Filmvorführung: Girl Power

Wir laden wieder zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein.
Dieses Mal findet der Tressen an dem Tag statt, an dem sich Männlichkeit und Patriarchat selbst feiern.

Wir möchten daher einen Anlaufpunkt ohne Bollerwagen und besoffene Mackerhorden bieten.
Dafür mit Female Music, Cocktails und dem Film Girl Power.

Der Film wird in Originalsprache mit englischem Untertitel gezeigt werden.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 10.05.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

(K)Eine Diskussion – in Hameln?!

Am Freitag, den 20. April 2018, findet im Freiraum Hameln (Walkemühle 1a, 31785 Hameln) ab 20 Uhr das nächste offene Antifa-Treffen „Club Alerta“ unserer Genoss*innen der Antifaschistischen Aktion Hameln-Pyrmont [AAHM] statt. Wir sind vor Ort und werden die Broschüre „(K)Eine Diskussion! – Antisemitismus in der radikalen Linken“ in einem Vortrag vorstellen und im Nachgang für Fragen und Diskussionen zu diesem Thema zur Verfügung stehen. Außerdem werden die besagte Broschüre und viele weitere thematisch verwandte Materialien an dem Abend gegen Spende an Interessierte abgegeben. Also, sagt es weiter und seid dabei!

Vortrag | 20.04.2018 | 20 Uhr | Freiraum | Hameln
Weitere Infos zur Broschüre gibt es hier.

TKA-Tresen: Videovorführung: Raúl Krauthausen über Spätabtreibung und Pränataldiagnostik

Raúl Krauthausen war beim Format „Hirnwäsche“ zu Gast um über Spätabtreibungen und Pränataldiagnostik zu diskutieren.
Das Format hat sich zur Aufgabe gesetzt Menschen mit unterschiedlichen Haltungen zur Diskussion an einen Tisch zu bringen.
Raúl Krauthausen trifft dabei unter anderem auf Kirsten Achtelik.
Wir möchten die drei kurzen Folgen auf unserem Tresen zeigen.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Regulärer Termin immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 15.03.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen mit Broschüren am 15.02.2018

Wir laden wieder (dieses Mal außerplanmäßig) zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein.
Kommt vorbei auf ein Getränk in netter Atmosphäre und nehmt euch Broschüren mit, wenn ihr noch keine habt.

Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 14.02.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

Antifa-Kundgebung am 12.02. gegen Empfang des iranischen Regimes in Berlin

Solidarität mit den Protesten gegen die Diktatur im Iran!

Antifa-Kundgebung gegen den Empfang des islamistischen Regimes in Berlin

Montag, 12. Februar 2018 | 18 Uhr | Vor dem Maritim Hotel in der Stauffenbergstraße 26 (10785 Berlin-Tiergarten)

Schon seit Ende vergangenen Jahres wird die Islamische Republik Iran von Protesten in einer Größenordnung ergriffen, wie es sie seit 2009 nicht mehr gegeben hat. Die Menschen demonstrieren nicht nur gegen die wirtschaftliche Lage, die Korruption und die tagtäglichen Repressionen: Im ganzen Land richten sie ihren Protest mittlerweile dezidiert gegen die Islamische Republik als Ganzes und riskieren so ihr Leben. Im Januar gingen die Bilder von Vida Movahed um die Welt, die aus Protest gegen die Islamische Republik und die repressive Kleiderordnung im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg – in ihrer Hand einen Stock, darauf ihr weißes Kopftuch. Unter Rufen wie „Nieder mit der Islamischen Republik“ und „Tod den Mullahs“ zeigen die Protestierenden, dass es ihnen nicht um eine Reform geht, sondern um einen Umsturz.

Besonders die Unterdrückung von Frauen, die konstituierendes Element des Regimes ist, wird nicht mehr länger hingenommen. Sinnbildlich dafür wollen sich immer mehr Frauen von ihrer Zwangsverschleierung befreien, sogar auf die Gefahr hin auf ungewisse Zeit inhaftiert zu werden. Doch während die Repressionen härter werden, die Zahl der Toten steigt und Tausende in den Knästen und Folterkellern des Regimes verschwinden, scheint die deutsche Politik und allen voran Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) nichts von den Anliegen der Protestierenden wissen zu wollen. Schlimmer noch: Stattdessen freut man sich über neue wirtschaftliche Abkommen und Investitionen. So wie Gabriel und die Bundesregierung gegenwärtig die türkische Regierung mit Waffen unterstützen, die gegen die kurdische Bevölkerung im Norden Syriens eingesetzt werden, so werden aktuell auch die Vertreter der Islamischen Republik in Deutschland, aber auch in Brüssel hofiert. Und das trotz der Tatsache, dass das Regime nicht nur die iranische Bevölkerung tyrannisiert, sondern seinen Terror exportiert und damit viele Tote und großes Leid produziert, wie etwa durch Krieg im Jemen und in Syrien oder durch seinen Kampf gegen Kurd*innen.

Erst im Januar ermöglichte die Bundesregierung dem iranischen Todesrichter Schahrudi die Behandlung in einem Krankenhaus in Hannover und dessen vorzeitige Ausreise vom Hamburger Flughafen, um ihn vor Strafverfolgung in Deutschland zu schützen. Schahrudi trägt die Verantwortung für etwa 2.000 Todesurteile, darunter zahlreiche Jugendliche und Kinder. Ebenfalls im Januar gab es Razzien gegen insgesamt zehn Agenten, die den Al Quds-Brigaden (der Spezialeinheit des iranischen Regimes) angehören und für das weltweite Töten von Regimegegner*innen bekannt sind. Die Agenten hatten in mehreren Bundesländern jüdische Einrichtungen als Anschlagsziele ausspioniert. Konsequenzen zog die Bundesregierung aus diesen Vorfällen keine.

In den letzten Wochen gab es vermehrt Kundgebungen in Deutschland gegen die Islamische Republik und in Solidarität mit den Demonstrierenden. Wir tragen den Protest nun vor das Maritim Hotel in der Stauffenbergstraße, welches auch schon mehrmals der rechtsradikalen AfD Räume für Veranstaltungen zur Verfügung stellte und in dem nun das iranische Regime am 12. Februar zum wiederholten Male den Jahrestag der Islamischen Revolution feiern will. Während im Iran immer noch Tag für Tag Protestierende verhaftet, gefoltert und ermordet werden, wollen sich die Repräsentanten dieser Diktatur, zusammen mit ihren deutschen Unterstützer*innen, selbst feiern und so tun, als ob es das Leid im Iran gerade nicht geben würde.

Wir wollen das nicht unwidersprochen hinnehmen. Alle, die dieses mörderische Vorgehen unterstützen, müssen mit unserem antifaschistischen Widerstand rechnen! Zudem protestieren wir gegen die deutsche Unterstützung für das iranische Regime und dessen menschverachtende Politik.

Nieder mit dem klerikalfaschistischen Regime und seinen Unterstützer*innen!
Solidarität mit den fortschrittlichen Protesten im Iran!

Antifaschistisches Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag
noalquds.blogsport.de

Sneak Preview-Veranstaltung: (K)eine Diskussion – Antisemitismus in der radikalen Linken

Antisemitismus keine Diskussion

Liebe Genoss_innen,
wir laden euch zum Release unserer Broschüre „(K)eine Diskussion – Antisemitismus in der radikalen Linken“ ein, die wir am 08.02.2017 ab 20 Uhr im Projektraum H48 vorstellen wollen.

Insbesondere beim israelbezogenen Antisemitismus haben wir in den letzten Jahren eine erschreckende Zunahme von antisemitischen Positionen wahrgenommen. Dies zeigte sich jüngst bei den Protesten gegen die angekündigte Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem im Dezember 2017. Demonstrationen gegen die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels wurden maßgeblich von Organisationen vorbereitet, die der Hamas- bzw. Muslimbrüderschaft nahestehen. Laut der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) gab es auf mindestens 12 von 21 dieser Prostestkundgebungen antisemitische Parolen und/oder Bildsprache, Israelfahnen wurden verbrannt und bespuckt. Trotzdem beteiligten sich Gruppen wie „For Palestine“, „BDS“, „Jewish Antifa“ und der „Jugendwiderstand“ an den Demonstrationen.

Linker Antisemitismus sowie das Hinwegsehen über diesen ist nicht neu. Angesichts dieser Kontinuität und Aktualität auch in linken Zusammenhängen, haben wir (ANA, TKA, *aze, demob) uns in Berlin zusammengeschlossen, um uns intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Die Broschüre “(K)eine Diskussion – Antisemitismus in der radikalen Linken” bündelt die ersten Ergebnisse und Gedanken zu unserer Beschäftigung mit Antisemitismus in linksradikalen Kontexten. Das Thema ist damit nicht abgeschlossen und wir wollen zum nachdenken, reflektieren und diskutieren anregen.

Wir freuen uns auf euer Erscheinen,
*andere zustände ermöglichen, Autonome Neuköllner Antifa, deutschland demobilisieren und Theorie, Kritik & Aktion.

Weitere Infos: https://keinediskussion.noblogs.org/

08.02.2018 | 20 Uhr | Projektraum H48 (Hermannstaße 48, Neukölln) (2. HH 1. OG), bei “Projektraum” klingeln

73 Jahre Befreiung von Auschwitz

Vor 73 Jahren befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden von Auschwitz.
Es gilt zu erinnern und zu kämpfen, auf dass „Auschwitz nicht noch einmal sei“ (Adorno).

TKA-Tresen: Filmvorführung „Vessel“

Im Jahr 1999 gründete die niederländische Ärztin Rebecca Gomperts die Organisation Women on Waves, welche gefährlichen Abtreibungsversuchen vorbeugen und Frauen* und schwangere Personen in ihrer Selbstbestimmung unterstützen will. Auf einem Schiff stellen Women on Waves Verhütungsmittel und Informationen zur Verfügung und bieten Workshops, medizinische Unterstützung, sowie legale Schwangerschaftsabbrüche in internationalen Gewässern an. Auf diesem Weg kann Frauen* und schwangeren Personen geholfen werden repressive Gesetzgebungen und Sanktionen zu umgehen.
Der Dokumentar Film „Vessel“ von Diana Whitten erzählt die Geschichte der Organisation.

Der Film wird in englischer Sprache gezeigt werden.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 11.01.2018 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen am 09. November 2017

Wir laden wieder zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein.

Dieses Mal findet unser Tresen im Anschluss an die 9. November-Gedenkdemonstration statt.

Kommt vorbei auf ein Getränk in netter Atmosphäre, wärmt euch auf und stärkt euch an der Küfa.

Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 09.11.2017 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

9. November – Kein Vergessen! Kein Vergeben!

Je weiter ich Richtung Ku’damm ging, desto mehr Menschen waren auf der Straße. Auf einmal knirschten Glasscherben unter meinen Schuhen. Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass die Fenster aller jüdischen Geschäfte eingeschlagen waren. Vor einem Laden standen drei SA-Männer und schauten unbeteiligt ins Leere. Ich erinnere mich, dass sie in diesem Moment nichts Menschliches an sich hatten. Ich sah zu Boden und ging weiter. Ich wollte wissen, was geschehen war – obwohl ich das Gefühl hatte, dass mein Leben vorbei wäre, wenn unsere Blicke sich treffen würden.

So beschrieb Margot Friedländer den 10. November 1938. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet; sie selbst überlebte die Shoah trotz Inhaftierung im Konzentrationslager Theresienstadt. Das Bild der Zerstörung, dass sie zeichnet lässt erahnen, von welcher Gewalt die Nacht davor geprägt war. Am 9. November 1938 fanden die Novemberpogrome ihren Höhepunkt. Im deutschen Herrschaftsbereich wurden jüdische Menschen ermordet, vergewaltigt, inhaftiert und verschleppt. Jüdische Geschäfte, Wohnungen, Gemeindehäuser und Synagogen wurden geplündert, zerstört und in Brand gesteckt. Auf den Straßen brach sich der gewalttätige deutsche Antisemitismus Bahn, der in der Nacht staatlich angestoßen und orchestriert wurde. SA und SS führten die Morde, Brandstiftungen und Verwüstungen an. Die nicht-jüdische Bevölkerung beteiligte sich an dem Pogrom oder stimmte mit ihrem Schweigen zu. Zum Anlass nahm die NSDAP-Führung die Tötung eines deutschen Botschaftsangehörigen in Paris. Herschel Grynszpan, der aufgrund des deutschen Antisemitismus nach Frankreich migriert war, gab mehrere Schüsse auf das Botschaftsmitglied ab, nachdem er von der Deportation seiner Familie nach Polen erfahren hatte.

Auftakt zur Vernichtung

Insgesamt wurden in den Tagen um den 9. November 1.300 Jüdinnen*Juden ermordet, über die Hälfte der Gebetshäuser und Synagogen in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Ab dem 10. November erfolgte die Deportation von 30.000 Jüdinnen*Juden in Konzentrationslager. Die Pogrome waren der Auftakt zur Vernichtung. Bis zum 9. November 1938 hatte das nationalsozialistische Deutschland Jüdinnen*Juden Schritt für Schritt aus der Gesellschaft ausgegrenzt: mit Berufsverboten, Ausschluss aus den Universitäten, später mit den „Nürnberger Rassegesetzen“ sowie der „Arisierung“ jüdischer Unternehmen. Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen 1939 begann die NS-Eroberungspolitik. Hinter den Truppen der Wehrmacht in Osteuropa folgten die deutschen Einsatzgruppen, die in Massenerschießungen Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen, Jüdinnen*Juden, Rom*nja, Sinti*zza und andere als „Volksfeinde“ markierte Menschen, ermordeten. Osteuropa sollte als „Lebensraum“ „germanisiert“ werden. Die NS-Vernichtungspolitik gipfelte in der Shoah, dem industriellen Massenmord: Bis 1945 ermordeten die Deutschen sechs Millionen Jüdinnen*Juden.

German Gedächtnis

Der Sieg der Anti-Hitler-Koalition 1945 bedeutete für Millionen Verfolgte die Befreiung. Mit der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes kam es noch in den 1940er Jahren zu den ersten Alliierten-Prozessen gegen einzelne Nazi-Täter*innen. Angesichts des geschehenen Unrecht war es nicht mögliche die Taten in angemessene Worte zu fassen. Die damalige Rechtsprechung konnte kaum den maßlosen Verbrechen gerecht werden. Demgegenüber war die spezifisch deutsche Erinnerung bestimmt von der Hervorhebung von einzelnen pathologisierten „Verbrechern“. Von den – laut dem heutigen Stand der Forschung – über 42.000 Orten nationalsozialistischer Verbrechen in Europa, behauptete der Großteil der deutschen Bevölkerung nichts mitbekommen zu haben. Mit dem Abbruch der Entnazifizierung in der BRD erhielt der Nationalsozialismus als eine aufzuarbeitende Geschichte erst in den 1960er Jahren durch den Eichmannprozess und die Auschwitzprozesse wieder Beachtung – und das auch nur mit Widerstand gegen die in die Staatsapparate reintegrierte NS-Funktionselite. Die Frage der Erinnerung blieb in Deutschland mit dem Versuch der Schuldloslösung verbunden. Die Etappen und Nuancen reichen vom Beschweigen und Verdrängen der Täter*innengeneration, der unvollständigen Anklage der 68er-Bewegung, bis hin zur öffentlichen Empörung über den Kniefall von Willy Brandt vor dem Ehrendenkmal des Warschauer Ghettos 1970. Dieser steht symptomatisch für die Veränderung der deutschen ‚Verleugnungsgemeinschaft’ zu einer vermeintlichen vorbildlichen ‚Erinnerungsgemeinschaft’, die schließlich um ihr Holocaustmahnmal „beneidet“ werden sollte. Demgegenüber dauerte es bis weit in die 2000er Jahre bis sowjetische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter*innen, Homosexuelle sowie Sinti*zza, Rom*nja und Jenische als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden. Bis heute müssen Opfer in der Rolle der Bittsteller*innen auftreten und bekommen Entschädigungszahlungen vorenthalten. Ersteinmal widersprüchlich mag dies wirken, wo doch die Geschichte der Wiedergutwerdung der Deutschen zum hegemonialen Gründungsmythos der BRD gereift ist. Diese habe sich in Negation zum Nationalsozialismus gegründet und kämpfe nun aufrecht gegen das Böse. Deutscher Antisemitismus besteht in jener Erzählung nur in historischer Form. Doch die andauernde Verweigerungshaltung gegenüber Geschädigten macht es sehr deutlich: Eine tatsächliche Aufarbeitung der Verbrechen und der gesellschaftlichen Verhältnisse, die den Nationalsozialismus hervorgebracht haben, hat es nie gegeben. Die toten Jüdinnen*Juden dienen lediglich als Fundament einer neuen nationalen Selbstvergewisserung.

Antisemitismus, eine deutsche Normalität

Seit 2017 ist wieder eine faschistische Partei in den Bundestag eingezogen. Die Alternative für Deutschland (AfD) hat es geschafft, dem autoritären Bedürfnis und völkischem Denken in der deutschen Mehrheitsgesellschaft wieder einen offenen Platz zu geben. Mit dem Selbstbild als Erinnerungsweltmeister kämpfte immer zugleich das Bedürfnis nach nationaler Selbstbeweihräucherung: Ein wirtschaftlich so erfolgreiches Volk, habe das Recht von Auschwitz nichts mehr hören zu müssen, meinte beispielsweise Franz Josef Strauß Ende der 1960er Jahre. Seit dem „Sommer der Migration“ 2015 finden Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus, Verschwörungstheorien und die Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ein parteipolitisches Sammelbecken. Im Januar 2017 sprach der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke bei der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative (JA) in Dresden bezogen auf das Holocaustmahnmal von einem „Denkmal der Schande“, dass sich die Deutschen in das Herz ihrer Hauptstadt gepflanzt hätten. Höcke forderte ein Ende der „dämlichen Bewältigungspolitik“ und eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Diese bestehe nicht in einer „Vergangenheitsbewältigung als gesamtgesellschaftliche Daueraufgabe“, sondern in einer „lebendigen Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zuallererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt“. Sein Parteikollege Alexander Gauland forderte in einer Rede im September 2017 auf einer Veranstaltung des sogenannten national-konservativen Flügels der AfD, dass „wir das Recht“ haben, „stolz zu sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Martin Homann, der 2003 in einer Rede u.a. nach der Täterschaft von Jüdinnen*Juden in der Oktoberrevolution fragte und zu dem Schluss kam, dass sie mit der gleichen Berechtigung als „Tätervolk“ zu bezeichnen seien, wie Deutsche im Hinblick auf den Nationalsozialismus, zieht mit der AfD wieder als Abgeordneter in den Bundestag ein. Nach seiner antisemitischen Rede vor Mitgliedern eines CDU Ortsverbandes war er aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ausgeschlossen worden. Angesichts dieser Entwicklungen und der Verschiebung des Diskurses der etablierten Parteien nach rechts erscheint es daher nur folgerichtig, dass im Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl gefragt wurde, ob „der Völkermord an den europäischen Juden […] weiterhin zentraler Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur sein“ solle.

Während in der deutschen Mehrheitsgesellschaft erneut in Frage gestellt wird, ob die Auseinandersetzung mit der Shoa relevant sei, sehen sich Jüdinnen*Juden in Deutschland zunehmend mit Antisemitismus konfrontiert. In einer Studie zum persönlichen Erleben und der Einschätzung von Antisemitismus bei Jüdinnen*Juden in Deutschland, die vom Bielefelder Institut für Konflikt- und Gewaltforschung 2017 durchgeführt wurde, zeigt sich deutlich die Normalität von Antisemitismus. Etwa dreiviertel der Befragten schätzt Antisemitismus weiterhin als „eher“ oder „sehr großes Problem“ ein. Der Staat Israel bleibt damit Zufluchtsort, eine Exit-Option für Jüdinnen*Juden. Ob es die deutsche Mehrheitsbevölkerung wahrhaben will oder nicht, ob sie es leugnet oder Antisemitismus ausschließlich in migrantischen Communities verortet: dieser ist weiterhin auch im Herzen der deutschen Mehrheitsgesellschaft anwesend. Antisemitismus macht „den Juden“ zur Projektionsfläche alles Schlechten. In komplexen Verhältnissen setzt er damit an die Stelle eines kritischen Denkens einen entmenschlichten Feind als einfache und abgeschlossene Erklärung. Er äußert sich in verschwörungstheoretischen Bedrohtheitsphantasien, in Dämonisierung des israelischen Staates oder ganz konkret in Schmierereien und körperlichen Angriffen. Letzteres zum Beispiel im April 2017 am Berliner Ostbahnhof als ein Mann mit einer Flasche beworfen und antisemitisch beleidigt wurde. Antisemitismus zu erfahren bedeutet für Betroffene alltägliche Aggressionen, Ausgrenzungen und Demütigungen. Gewalttätige Überfalle rufen wenig Solidarität hervor; antisemitische Schmierereien schockieren schon gar nicht mehr. Die Gesellschaft „gewöhnt“ sich an Gewalt und Verfolgung – und sie stimmt mit ein. Zugleich fliegen rechte Terrorzellen auf, die Waffen gesammelt, Listen mit Personen angelegt und staatliche sowie militärische Verbindungen hatten. Aber die potentiell tödliche Bedrohung, die von ihnen ausgeht, reicht nur für maximal zwei bis drei erschrockene Zeitungsartikel. Als hätte es den „Nationalsozialistischen Untergrund“ nie gegeben – die von ihm Ermordeten, seine Ausspähung jüdischer Einrichtungen z.B. der Synagoge in der Rykestraße und seine Listen mit Anschlagszielen.

„Erinnern heißt handeln” (Esther Bejarano, Auschwitz-Komitee)

Wenn wir heute an die Novemberpogrome von 1938 erinnern, heißt das, dass wir ihrer Opfer gedenken, ihnen Namen und Geschichte geben. Es heißt auch, dass wir antifaschistisch wachsam sind gegenüber einer Gesellschaft, deren autoritäre und ressentimentgeladende Tendenzen wieder offener zu Tage treten. Die Novemberpogrome stellten einen ersten Höhepunkt der antisemitischen Verfolgung dar, aber passierten nicht aus dem Nichts heraus. Die deutsche Gesellschaft stimmte in die Vernichtungspolitik ein. „Aus der Erfahrung unseres Lebens sagen wir: Nie mehr schweigen, wegsehen, wie und wo auch immer Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit hervortreten!“

Dies haben uns die überlebenden Opfer des Nationalsozialismus und lebenslange Kämpfer*innen immer wieder aufgetragen, sie haben uns begleitet, unterstützt und ermutigt. Sie haben uns erklärt, was es bedeutet, als Geflüchtete*r leben zu müssen, was es bedeutet, nicht mehr als Mensch betrachtet zu werden. Wir werden unsere Kämpfe bald ohne sie führen und eigene Worte und Wege finden müssen. Dem Gedenken an die deutschen NS-Verbrechen auch weiterhin Gehör zu verschaffen sowie Konsequenzen daraus einzufordern, bleibt einer der wichtigsten Aufgabe für alle Antifaschist*innen.

In diesem Sinne: Kommt am 9. November zur Gedenkkundgebung und antifaschistischen Demonstration nach Moabit!

9. November 2017 – 17 Uhr | Mahnmal Levetzowstraße, Berlin Moabit | Gedenkkundgebung und anschließende antifaschistische Demonstration

31.10. Filmabend: „München 1970. Als der Terror zu uns kam“ von Georg M. Hafner

Im Februar 1970 stürzte eine Swiss Air Maschine auf ihrem Weg nach Israel ab. Grund dafür, war eine Bombe palästinensischer Terroristen.
Alle Insass*innen kamen bei dem Anschlag ums Leben. Unter den Opfern war auch der Onkel des deutschen Journalisten Georg M. Hafner.
40 Jahre nach dem Tod seines Onkels begibt sich Hafner auf Spurensuche.
In seinem 2012 erschienen Dokumentarfilm beleuchtet er die schlimmste antisemitische Anschlagsserie nach Ende des zweiten Weltkrieges, in deren Planung und Ausführung Teile der deutschen Linken weit verstrickt waren.
Archivaufnahmen und Zeitzeug*innen-Interviews geben einen detaillierten Einblick in die Ereignisse die München im Februar 1970 erschütterten, wie der Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim, bei dem 7 Menschen, überwiegend Holocaust-Überlebende, getötet wurden.

Wir zeigen den Film im Rahmen der Gedenk-Demonstration zum 9. November in Moabit.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden.
Die Veranstaltung ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

31.10.2017 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

TKA-Tresen am 14.09.2017

Wir laden wieder zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein.
Kommt vorbei auf ein Getränk in netter Atmosphäre.

Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 14.09.2017 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

Veranstaltung mit Gisela Notz: Kritik des Familismus. Geschichte, Theorie und Realität eines ideologischen Gemäldes

Die Ideologie des Familismus die „Idealfamilie“ mit Vater, Mutter und (leiblichen) Kind(ern) als naturgegeben bezeichnet, hat noch immer Hochkonjunktur. Dies, obwohl sie einen Ausgangspunkt hat, der schon immer nur für einen Bruchteil der Bevölkerung praktische Relevanz hatte: die Familie. Sie gibt es heute ebenso wenig, wie es sie je gegeben hat. Und schon gar nicht war sie zu allen Zeiten die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen. Sie führt unweigerlich zur Diskriminierung von Individuen und Gruppen, die diesem Bild nicht entsprechen. Angesichts der ‚neuen‘ rechtspopulistischen Akteur*innen erhält sie neue Brisanz. Auch wenn oder gerade weil die gelebte Realität vielfältige andere Wege geht, die das ideologischen Gemälde von der ‚Normalfamilie‘ unterwandern.

Zur Autorin:
Dr. Gisela Notz ist Sozialwissenschaftlerin, Historikerin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Seit 16 Jahren bringt sie den historischen Wandkalender „Wegbereiterinnen“ heraus. Zum Thema hat sie ein Buch geschrieben: Kritik des Familismus. Theorie und soziale Realität eines ideologischen Gemäldes, Stuttgart: Schmetterling 2015.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der WTF-Proteste gegen den „Marsch für das Leben“ statt.
Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden.
Die Veranstaltung ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Dienstag 12.09.2017 | 19:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

„Marsch für das Leben“? – What the fuck!

Abtreibungen legalisieren – Weg mit Paragraph 218!
Für den 16. September 2017 mobilisieren „Lebensschützer“ zu einem „Marsch für das Leben“ in Berlin. Wir rufen zu Protesten gegen den „Marsch“ auf. Letztes Jahr kamen 5.000 Menschen zusammen, die für ein generelles Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen auf die Straße gingen und ihr christlich-fundamentalistisches Weltbild zelebrierten. „Lebensschützer“ wollen Abtreibungen verbieten, hetzen gegen queere Menschen und wollen die heterosexuelle Familie als wichtigste Stütze der Gesellschaft halten.

Noch immer kein Recht auf Abtreibung?! What the fuck!?
„Lebensschützer“ behaupten, Leben retten zu wollen. Doch wer das Leben ungewollt schwangerer Menschen schützen will, muss Abtreibungen legalisieren! In Deutschland sind Abtreibungen noch immer illegal und nur unter bestimmten Voraussetzungen straffrei (§218 Strafgesetzbuch). Repressive Abtreibungsregelungen zwingen Menschen in vielen Ländern (wie z.B. Polen) zu illegalen Schwangerschaftsabbrüchen. Doch diese sind oft teuer und stellen ein hohes gesundheitliches Risiko dar, teilweise bis hin zum Tod. Auch in Deutschland gibt es Regionen, in denen es schwierig ist, eine Abtreibung zu bekommen, etwa weil Krankenhäuser sich weigern.

Familie als Keimzelle der Nation?! WTF!
Den Zwang zur heterosexuellen Familie leiten die „Lebensschützer“ aus der Bibel ab. Es soll demnach nur zwei von Natur aus unterschiedliche Geschlechter geben, mit klar verteilten Rollen in Familie und Gesellschaft. Sex soll der Fortpflanzung dienen und ausschließlich in der Ehe zwischen Mann und Frau stattfinden. Deshalb stellen Feminist*innen, queere Personen und Linke für „Lebensschützer“ eine Gefahr dar, weil sie sich für ein selbstbestimmtes Leben und gegen die Unterdrückung von sexuellen Orientierungen und geschlechtlichen Identitäten einsetzen. Mit der Parole „Willkommenskultur für Ungeborene“ machen „Lebensschützer“ zudem deutlich, wer bei ihnen willkommen ist: lieber Ungeborene als Geflüchtete.

Mit diesem rassistischen und sexistischen Weltbild bieten sie Schnittstellen für konservative, rechte und völkische Kräfte: So schließen sie sich etwa mit dem rechten Flügel der CDU/CSU, der AfD bis hin zur extremen Rechten zusammen. Daher gilt es auch bei den Bundestagswahlen dieses Jahr gemeinsam zu verhindern, dass die Abtreibungs-Gegner*innen ungestört ihre reaktionären Positionen verbreiten!

„Lebensschützer“ instrumentalisieren Menschen mit Behinderung, um ihre allgemeine Ablehnung von Abtreibungen zu legitimieren. Dies gilt es sichtbar zu machen! Wir sprechen uns gegen Pränataldiagnostik zum Zweck der Selektion aus und fordern stattdessen eine flächendeckende Unterstützung für Menschen mit Behinderung, ihren Eltern und dem sozialen Umfeld.

Unsere Antwort: Demonstrieren, Sabotieren!

Unterschiedliche sexuelle Lebensweisen müssen gleichberechtigt anerkannt werden! Wir sind für einen legalen und unproblematischen Zugang zu Abtreibungen! Wir wollen lieben, wen und wie wir wollen! Wir wollen in einer Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus, Trans- und Homofeindlichkeit, Ableismus und Nationalismus leben. Unser feministischer Kampf für ein selbstbestimmtes Leben schließt notwendigerweise den Kampf gegen Staat, Nation und Kapital mit ein.

Wir sind ein Berliner Bündnis aus queer-feministischen und antifaschistischen Gruppen und rufen euch dazu auf, mit uns auf die Straße zu gehen und den „Marsch für das Leben“ zu verhindern.

Deswegen gehen wir am 16. September 2017 auf die Straße!
Für eine befreite, emanzipierte Gesellschaft!
Gegen christlichen Fundamentalismus und reaktionäre Ideen!

1 „Lebensschützer“ ist eine Selbstbezeichnung derjenigen, die gegen Abtreibungen protestieren und gegen die sexuelle und körperliche Selbstbestimmung auf die Straße gehen.

Weitere Infos findet ihr auf der Website des WTF-Bündnisses.

TKA-Tresen: Antisemitismus? In der radikalen Linken leider keine Neuheit.

Im letzten Jahr haben wir uns als Gruppe intensiv mit dem Thema Antisemitismus in der linken Szene beschäftigt. Was bei der Beschäftigung mit dem Thema besonders auffällt ist die Tatsache, dass Antisemitismus schon lange zu den Kontinuitätslinien linker Theorie und Praxis gehört. Vom anarchistischen Denker Michail Bakunin, für den Jüdinnen*Juden ein „Blutegelvolk, [das] einen einzigen fressenden Parasiten bildet“ sind bis hin zur RAF, die Morde an Jüdinnen*Juden als „antifaschistische Tat“ preist, ist es ein kurzer Weg. Von Georgi Dimitroff 1933 und seinem falschen Verständnis des deutschen Nationalsozialismus, über linke Terrorist*innen, die 1969 eine Gedenkveranstaltung von Shoah-Überlebenden mit einer Bombe angreifen bis zu linken Gruppen die auch 2017 behaupten, in Israel die neuen Nazis entdeckt zu haben: Antisemitismus in der radikalen Linken ist vieles, aber nicht neu. In unserem Vortrag wollen wir einige Ergebnisse unserer Auseinandersetzung mit linkem Antisemitismus vorstellen und linke Held*innenmythen hinterfragen. Ziel ist es klar zu machen, dass linke Antisemit*innen immer wieder bewiesen haben, wie gefährlich sie sind und es in der Konsequenz nicht reicht, im politischen Selbstverständnis unter „ferner liefen“ irgendwie gegen Antisemitismus zu sein, sondern es einer echten Auseinandersetzung bedarf.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Regulärer Tresen immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 27.07.2017 | 19:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

Save the Date! Gemeinsam gegen jeden Antisemitismus

Am Samstag, den 23. Juni 2017 wollen im 21. Jahr in Folge hunderte Antisemit*innen am Al Quds-Tag in Berlin für die Eroberung Jerusalems und die Vernichtung Israels aufmarschieren. Al Quds ist der arabische Name Jerusalems und der Al Quds-Tag ein 1979 vom iranischen Regime ins Leben gerufener weltweiter antisemitischer Kampftag. Unter dem Deckmantel der sogenannten „Israelkritik“ wird offen dazu aufgerufen, die größte jüdische Gemeinschaft der Welt zu vernichten. Es wird sich mit der terroristischen Hisbollah, dem syrischen Diktator Assad und dem iranischen Regime selbst solidarisiert.

Der Hauptorganisator des Berliner Aufmarsches ist Jürgen Grassmann. Grassmann leugnete im April diesen Jahres auf der Intifada Konferenz in Teheran die Shoa, er sprach dabei unter anderem von „der Täuschung der Menschen mit dieser Geschichte“ und führte in diesem Zusammenhang fort: „Das Problem ist, dass die Zionisten es übertreiben.“ Im gleichen Monat brachte Grassmann auf einer Querfrontdemonstration in Berlin während eines Redebeitrags seine antisemitische Verschwörungsideologie zum Ausdruck, unter anderem sagte er, dass der IS „ein Produkt der Zionisten“ sei und forderte anschließend das Ende des Staates Israel.

Es steht fest: Deutschland hat ein Antisemitismus-Problem, das weder erst seit gestern besteht, noch importiert wurde. Allein in Berlin gab es im Jahr 2016 mindestens 470 antisemitische Angriffe und Anfeindungen. In ganz Deutschland kommt es zu Schändungen jüdischer Friedhöfe und Denkmäler und die Leugnung oder Relativierung der Shoa gehören zum deutschen Alltag. Oft wird nicht vom Judentum, sondern von Israel gesprochen, um den eigenen Antisemitismus zu verschleiern.

Der Al Quds-Tags-Aufmarsch in Berlin ist der größte regelmäßig stattfindende antisemitische Aufmarsch Deutschlands. Wir werden dies auch in diesem Jahr nicht unwidersprochen hinnehmen und unsere Kritik an religiösen Fundamentalist*innen und Antisemit*innen aller Couleur am 23. Juni auf die Straße tragen. Wir solidarisieren uns mit den von Antisemitismus Betroffenen und deren Schutzraum Israel. Außerdem gilt unsere Solidarität den emanzipatorischen Kräften im Iran sowie allen Geflüchteten.

Nieder mit dem antisemitischen Al Quds-Tag!

ANTIFASCHISTISCHE GEGENKUNDGEBUNG:
Freitag, 23. Juni 2017 | 13:30 Uhr | Adenauerplatz (Berlin-Charlottenburg)

Weitere Infos erhaltet ihr unter noalquds.blogsport.de.

72. Jahrestag der Befreiung

GAME OVER KRAUTS

72 Jahre Befreiung vom deutschen Faschismus. Wir sagen danke!
Lasst die Korken knallen!

TKA-Tresen: Veranstaltung zu Rape Culture mit Projekt Accountability

Wir laden wieder zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein. Dieses mal haben wir zwei Genoss*innen vom Projekt Accountability aus Hamburg zu Gast, die einen Vortrag zum Thema Rape Culture halten werden.

Was ist eigentlich Rape Culture?

Der Begriff Rape Culture taucht in den letzten Jahren vermehrt in feministischen Debatten auf. Wie allumfassend und alltäglich sexualisierte Gewalt in Deutschland ist und wie diese durch unsere gesellschaftliche Struktur normalisiert und ermöglicht wird, versuchen wir anhand verschiedener Beispiele aus aktuellen Medien und Ereignissen aufzuzeigen. Ein eindrückliches Beispiel hierfür sind die Geschehnisse in der Silvesternacht 2015/ 2016 in Köln und die darauf folgenden Reaktionen von Politiker_innen und Medien. Hieran wird deutlich, wie Rassismus dazu genutzt wird, sexualisierte Gewalt außerhalb der Mehrheitsgesellschaft zu verorten.

In unserem Vortrag werden wir auf einzelne Aspekte von Rape Culture näher eingehen und versuchen so einen Überblick und ein besseres Verständnis für das Konzept zu schaffen.

Hinweis: In unserem Vortrag reden wir oft sehr explizit über sexualisierte Gewalt und victim blaiming. Das kann dich an Situationen erinnern, in denen du ähnliches Erlebt hast. Schau ob du dich in der Verfassung fühlst dir diesen Vortrag anzusehen.“

Mit Küfa.

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 11.05.2017 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

AS.ISM4 – Streitschrift gegen sexistische Zustände erschienen

Die vierte Ausgabe der AS.ISM – Streitschrift gegen sexistische Zustände – ist da. Groszartig ist sie geworden, finden wir. Tolle Arbeit, liebe EAG! Und wir freuen uns, einen Beitrag zu Kritischer Männlichkeit darin veröffentlicht zu haben.

Digital findet ihr die AS.ISM4 hier, direkt bestellen könnt ihr sie auf http://asbb.blogsport.de/

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Im Folgenden nun unser Beitrag zur Broschüre:


Mann tut, was Mann kann – Gedanken zu kritischer Männlichkeit


„in den umkleideräumen herrscht das große gegeneinander so offen wie selten sonst. da werden männer erzogen, die schwule ticken und frauen vergewaltigen, da wird systematische glücksvernichtung betrieben. diese burschen übernehmen von ihren vätern doppeltes unglück: sie müssen männlich sein, um nichts zu verändern, und gleichzeitig so tun, als seien sie glücklich, fixiert auf den nächsten fick oder wichs, ohne möglichkeit zur flucht“

– Ronald M. Schernikau, Kleinstadtnovelle (1980)

Unter linken Männern

In linken Zusammenhängen werden meist fleißig antisexistische und (pro-)feministische Standpunkte nach außen getragen. Hier scheinen Männer* zu wissen, welche Worte und Slogans sie verwenden müssen, um klarzumachen, dass sie die wichtigsten feministischen Diskurse verinnerlicht haben. Doch wie wenig davon tatsächlich verstanden wurde zeigt sich dann häufig in der politischen Zusammenarbeit. Männlichkeit und patriarchale Strukturen treten in linken Kreisen zwar häufig weniger offensichtlich auf, das ändert aber nichts an ihrer Wirkmächtigkeit auf Menschen. Das was meist gern auf bürgerliche Kreise abgewälzt wird, reproduziert sich auch in den eigenen Zusammenhängen. Überraschen sollte das eigentlich wenig. Schließlich sind auch linke Männer* in der gleichen Gesellschaft sozialisiert wie alle anderen Menschen auch. Daran ändert auch die Aufzählung eigener Privilegien erst einmal wenig. Menschen können sexistisch handeln, ohne überzeugte Sexist*innen zu sein.

Deutlich machen sich die gegebenen patriarchalen Verhältnisse auch in der Arbeitsweise innerhalb linker Gruppen. Das Ausklammern von Alltag, Emotionen und Zwischenmenschlichem auf dem Plenum ist eines der Anzeichen für die Reproduktion von Männlichkeit. Hier zeigt sich der Glaube, dass die Vermittlung politischer Inhalte unabhängig von ihrer Form stattfindet und allein das Sprechen über Emanzipation den Versuch eines emanzipatorischen Umgangs untereinander überflüssig macht. Rededominanz auf Bündnistreffen und anderen Plena ist Ausdruck dessen. Genauso wie der Zwang zur Wiederholung anderer Aussagen, weil Mann* glaubt es besser ausdrücken zu können. Linke Männer* glauben meist, dass ohne sie nichts läuft. Das Vertrauen in Gruppenprozesse ist gering. Das ins eigene Selbst hingegen übersteigert.

Wichtiger als Reflexion und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit scheint das Abarbeiten der Tagesordnungspunkte, das Organisieren der aktuellen Kampagne oder das Suchen nach dem neuen, schlagkräftigen Thema. Für längerfristige Prozesse bleibt da kaum Platz. Die Auseinandersetzung mit Themen, die zunächst wenig “Output“ liefern und wenig sichtbar sind, erscheint unproduktiv. Schnell ist da für den Feminismus und den Antisexismus eine eigene Arbeitsgruppe gefunden, so dass eine grundlegende, strukturelle Auseinandersetzung für die Gesamt-Gruppe nicht stattfinden muss. Es sind immer wieder Frauen*, die feministische Themen und Reflexionen ansprechen und einfordern müssen. In die inhaltliche Planung von Kampagnen fließen diese aber meist nur ein, wenn offensichtlich feministische Themen behandelt werden.

Auch Mansplaining – also das Phänomen, dass Männer* meinen (in erster Linie) Frauen* Themen erklären zu müssen, in dem Glauben, selbst den tieferen Einblick zu haben – ist keine Seltenheit in linken Zusammenhängen. Das wird auf die Spitze der Absurdität getrieben, wenn Männer* Frauen* ungefragt feministische Theorien und Inhalte erklären. Dabei werden zum einen Empowerment und Selbstbestimmung aktiv unterdrückt, zum anderen wird klar, wie sehr Cis-Männer FLTIQ*-Menschen unter- und sich selbst überschätzen.

Dazu kommt, dass Männer* in linken Gruppen und Zusammenhängen häufig andere Aufgaben übernehmen als Frauen*. Ein Phänomen, das sich im Sportgruppen-Habitus ebenso zeigt, wie in der theoretischen Aufschneiderei mit all ihrem Name-Dropping und der Gegenüberstellung von Emotionalität und Rationalität, wobei letzteres als Ideal fungiert. Meist sind es Männer*, die als Gesichter einer Gruppe wahrgenommen werden, wenn sie häufiger zu Bündnistreffen gehen oder stärker bei Szeneevents in Erscheinung treten. Für die Frauen* bleibt dann die Arbeit im Hintergrund, unsichtbare Orga-Aufgaben, das Schreiben von Protokollen, Vorbereiten der Küfa, Transpis malen, Veranstaltungsräume putzen, Konflikte in der Gruppe schlichten. Auch wenn all diese Aufgaben unabdingbar für die politische Arbeit sind, gilt oft das männliche Verhalten als allgemeines Ideal. Männer* sagen Frauen*, sie sollen sich eben auch mal trauen, auf Demos in die erste Reihe zu gehen, auf dem Lauti zu sprechen oder sich auf der Podiumsdiskussion zu Wort zu melden. Bei Konflikten sollen sie eben nicht so nachtragend sein, dann klären sich diese schon von alleine.

Auch in vielen anderen Situationen zeigt sich die mangelnde Verinnerlichung pro-feministischer Standpunkte. Dabei wird klar, dass die augenscheinliche Reflexion oft nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist, das viel zu selten handlungsleitend wird. Wenn Männer* unter Männern* sind wird das besonders deutlich. Linke Männer* erfahren auch in linken Räumen oft unkritische Solidarität oder Zustimmung anderer Männer*, denen das Gemackere entweder nicht auffällt oder die es sogar sympathisch, witzig oder intelligent finden. Auch oberkörperfreies Auftreten in der Öffentlichkeit oder auf Festivals wird von Cis-Männern oft damit legitimiert, dass andere dies ja auch tun könnten. Sich um sexualisierte Gewalt oder diskriminierende Übergriffe keine Gedanken machen zu müssen, ist hier ein Zeichen für cis-männliche Privilegien.

Linkssein schützt auch nicht vor heteronormativen Sexualitätsansprüchen. Der Umgang mit Frauen* auf Partys und in Beziehungen verrät, dass diese auch in den Köpfen vieler linker Männer* sowohl optisch als auch rollenbildlich heteronormativen Ansprüchen genügen sollen. Auch hier kann verbale Übergriffigkeit als „Kompliment“ verklärt und relativiert werden. Dass sich linke Hetero-Männer* gegen Homo- und Transfeindlichkeit aussprechen, heißt ebenfalls nicht, dass sie sich ernsthaft entsprechend verhalten. Dumme Witze und ein oftmals peinlich verkrampfter Umgang mit schwulen, queeren und/oder Trans*männern offenbaren das.

Nun gibt es aber auch jene Männer*, die all das zu erkennen glauben und gern kritisieren. Z.B. vor Frauen*, denen sie erklären, wie sich Männer* so verhalten. Der damit verbundene Versuch der Abgrenzung scheint absurd, machen die Redner dabei schließlich selbst wenig anders. Viel zu gut kann Mann* sich damit in den Mittelpunkt rücken und zwar als „besserer Mann“. Scheinbar reicht das Verständnis nicht so weit, zu begreifen, dass es genau darum nicht geht. Vielmehr sollte das Aufdecken der eigenen Widersprüche zentral werden. Es gilt zu erkennen, dass die gänzliche Befreiung von Widersprüchen unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist. Gleichzeitig kann männliches Fehlverhalten damit nicht gerechtfertigt oder die Reflexion über das eigene Handeln zurückgestellt werden. Das bedeutet auch immer kritisch gegenüber der eigenen Sichtweise zu sein. Bei Cis-Männern ist und bleibt dies eine männliche.

*Das Konzept „Hegemoniale Männlichkeit“:
Viele der hier beschriebenen Verhaltensweisen lassen sich mit dem Konzept der „Hegemonialen Männlichkeit“ erklären. Hierbei geht es nicht um eine biologische Festschreibung von Geschlecht, sondern darum, dass Geschlecht durch soziale Handlungen hergestellt wird. Die Soziologin Raewyn Connell beschreibt hegemoniale Männlichkeit als jene Männlichkeit, die sich durch einen Zugang zu Macht innerhalb patriarchaler Strukturen auszeichnet – gewissermaßen das „Idealbild des Mannes“. Es ist eine bestimmte Vorstellung von Männlichkeit, die als eine Art Vorbild bei der Entwicklung männlicher Ideale dient. Nur wenige Männer* haben Zugang zu dieser Macht, aber Männer* als Gruppe profitieren von der Aufrechterhaltung dieser Vorstellung. Connell nennt dies komplizenhafte Männlichkeit. Dies bedeutet, dass Männer* von der Vormachtstellung von Männlichkeit im Patriarchat profitieren. Ausgehend von diesen Idealen entsteht eine bestimmte Handlungspraxis, die sich im sozialen Miteinander widerspiegelt. Dadurch wird, laut Connell, das Patriarchat überhaupt erst begründet und aufrechterhalten. Dass es hier Brüche gibt, zeigt sich bei Männern*, die diesem Ideal aufgrund anderer Machtverhältnisse, z.B. Weiß-sein oder Cis-Männlichkeit und Heteronormativität, nicht entsprechen. Schwarze oder migrantische Männer* in weißen Gesellschaften, Trans*männer, schwule/ queere Männer* oder Männer* mit geringem sozialen Status sind aufgrund dessen von Diskriminierung betroffen. Diese marginalisierten Männlichkeiten sind als Gegenbild im Verhältnis zu hegemonialer Männlichkeit zu sehen. In der Konkurrenz zwischen Männern* haben sie eine weniger machtvolle Position.

Kritische Männlichkeit als die Lösung?

Was bedeutet nun eigentlich kritische Männlichkeit? Patriarchale Männlichkeit kann nicht zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse und auch nicht zu einer befreiten Gesellschaft führen. Männlichkeit muss sich also verändern. Dies ist möglich, da sie sozial konstruiert ist und sich in unserem Alltag und durch uns selbst hindurch ständig reproduziert. Geschlechterverhältnisse und Männlichkeit in den eigenen Beziehungen, politischen Zusammenhängen usw. müssen also reflektiert und verändert werden, ansonsten bleibt der ständige Ruf nach Feminismus und Antisexismus ein bloßes Lippenbekenntnis. Von einer tatsächlichen emanzipatorischen Veränderung von Geschlechterverhältnissen sind die meisten Männer* leider weit entfernt. Dabei braucht es eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit, die über gegenderte Redner*innenlisten hinausgeht. „Männliche Ideale“ wie Konkurrenz, vermeintliche Rationalität und Leistungsdrang zeigen auf, dass es etwas mit dem Patriarchat zu tun hat, wenn Gespräche über Alltag und Emotionen in politischen Gruppen keinen Platz mehr finden. Wenn der Wunsch nach feministischen Argumenten und Praxen mit einem vermeintlichen Sachzwang (die Produktion eines möglichst großen Outputs usw.) weggewischt werden, ist das kein akzeptabler Zustand. Männer* können sich auch anders zeigen, als nur stark, rational und dominant. Auch bei Männern* muss es Platz geben für Verunsicherung, für Zweifel und eigene Widersprüche. Auch Männer können schwach, divers und offen sein. Sie können nachfragen, selber Fragen stellen und eingestehen, wenn sie etwas noch nicht völlig verstanden haben, anstelle direkt mit dem nächsten Adorno-Zitat jegliche potentiellen Zweifel aus dem Weg zu räumen (und damit ihr Verständnis von Adorno selbst ad absurdum zu führen).

Das Private ist und bleibt politisch! Selbstreflexion ist fundamentaler Bestandteil feministischer und jedweder politischen Arbeit. Antisexismus benötigt eine Auseinandersetzung mit sexistischen Strukturen, aber eben auch mit dem eigenen Denken, dem eigenen Sein und dem eigenen Handeln. Es geht um die Verbindung von theoretischer Analyse und individuellem Handeln. Dies macht das eigene Subjekt zum Bestandteil der politischen Reflexion. Doch die Veränderung kann und sollte nicht nur jede*r mit sich allein ausmachen, sie kann und muss in linken Zusammenhängen kollektiv erstritten werden. Es braucht also neue Formen der Auseinandersetzung! Denn sollte das Ziel nicht eine Form der Organisierung sein, die die eigenen Unsicherheiten, Ängste und Ohnmachtserfahrungen ernst nimmt und bekämpft? Eine Organisierung, in der Unsicherheiten und Zweifel reflektiert, theoretisch begriffen und damit entindividualisert werden können? Eine Organisierung, die sich solidarisch zeigt und Konkurrenz abbaut? Eine Organisierung, in der antisexistische und männlichkeitskritische Praxis gelebt wird? Wie sonst sollte eine Veränderung in der Praxis möglich sein? Erst die Einbeziehung des Alltags und der Angriff auf die Trennung von Privat und Politisch ermöglicht eine emanzipatorische, linksradikale Politik.

Zum Weiterlesen

Raewyn Connell: Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krise von Männlichkeiten.

Nadia Shehadeh: Feministische Männer oder: Eine Verheißung, die keine ist.
analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis /Nr. 613 / 16.2.2016
(www.akweb.de/ak_s/ak613/18.htm)

Herausgeber_innenkollektiv: Fantifa. Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik. editionassemblage 2013.

www.beyondmasculinity.com

www.magazin.umsganze.org/wp-content/uploads/1.pdf

Theorie, Kritik & Aktion | Berlin [TKA]

TKA-Tresen: Filmvorführung „Kairo 678″

Wir laden wieder zu unserem Tresen im Projektraum der H48 ein. Kurz nach dem Frauen*kampftag zeigen wir den Film Kairo 678.

In seinem Regiedebüt greift der Drehbuchautor Mohamed Diab das im Land und von der Revolution tabuisierte Thema der sexualisierten Gewalt in Ägypten auf. Diab erzählt von drei Frauen* aus unterschiedlichen sozialen Schichten, die sich nicht länger mit männlichen Übergriffen abfinden wollen. Alle drei wehren sich auf ihre* Weise.

Kairo 678

Während der Veranstaltung rauchfrei, danach darf geraucht werden. Der Tresen ist auch per Fahrstuhl zu erreichen.

Immer am 2. Donnerstag in den ungeraden Monaten im Projektraum der H48.

Donnerstag 09.03.2017 | 20:00 Uhr | Projektraum, Hermannstr. 48 (U Boddinstr. | bei „Projektraum“ klingeln, 2. Hinterhof, 1. OG)

72 Jahre Befreiung von Auschwitz

72 Jahre ist es her, dass die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz befreite.
Doch Antisemitismus und Entmenschlichung sind damit nicht beseitigt. Es gilt zu erinnern und zu kämpfen, auf dass „Auschwitz nicht noch einmal sei“ (Adorno).

Soliparty am 4. Februar

TKA Soliparty

Auch linksradikale Arbeit kostet Geld.
Diese Kosten sind nicht immer von einzelnen Zusammenhängen zu tragen. Daher veranstalten wir am 04. Februar ab 22 Uhr eine Soliparty in der Supamolly.

Mit dabei sind Das Flug (Elektro-Punk aus Berlin), MC Josh & Nash (Hip Hop aus Berlin) und die DJ*anes NoCapNoStyle (female HipHop/Trap), Marlene & Dietrich (80er, 90er und Antifa-Allstars) und Falafel & Halloumi (Trash).
Kommt vorbei und feiert mit uns!

04. Februar 2017 | 22 Uhr | Supamolly (Jessner Str. 41, 10247 Berlin)