AS.ISM4 – Streitschrift gegen sexistische Zustände erschienen

Die vierte Ausgabe der AS.ISM – Streitschrift gegen sexistische Zustände – ist da. Groszartig ist sie geworden, finden wir. Tolle Arbeit, liebe EAG! Und wir freuen uns, einen Beitrag zu Kritischer Männlichkeit darin veröffentlicht zu haben.

Digital findet ihr die AS.ISM4 hier, direkt bestellen könnt ihr sie auf http://asbb.blogsport.de/

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Im Folgenden nun unser Beitrag zur Broschüre:


Mann tut, was Mann kann – Gedanken zu kritischer Männlichkeit


„in den umkleideräumen herrscht das große gegeneinander so offen wie selten sonst. da werden männer erzogen, die schwule ticken und frauen vergewaltigen, da wird systematische glücksvernichtung betrieben. diese burschen übernehmen von ihren vätern doppeltes unglück: sie müssen männlich sein, um nichts zu verändern, und gleichzeitig so tun, als seien sie glücklich, fixiert auf den nächsten fick oder wichs, ohne möglichkeit zur flucht“

– Ronald M. Schernikau, Kleinstadtnovelle (1980)

Unter linken Männern

In linken Zusammenhängen werden meist fleißig antisexistische und (pro-)feministische Standpunkte nach außen getragen. Hier scheinen Männer* zu wissen, welche Worte und Slogans sie verwenden müssen, um klarzumachen, dass sie die wichtigsten feministischen Diskurse verinnerlicht haben. Doch wie wenig davon tatsächlich verstanden wurde zeigt sich dann häufig in der politischen Zusammenarbeit. Männlichkeit und patriarchale Strukturen treten in linken Kreisen zwar häufig weniger offensichtlich auf, das ändert aber nichts an ihrer Wirkmächtigkeit auf Menschen. Das was meist gern auf bürgerliche Kreise abgewälzt wird, reproduziert sich auch in den eigenen Zusammenhängen. Überraschen sollte das eigentlich wenig. Schließlich sind auch linke Männer* in der gleichen Gesellschaft sozialisiert wie alle anderen Menschen auch. Daran ändert auch die Aufzählung eigener Privilegien erst einmal wenig. Menschen können sexistisch handeln, ohne überzeugte Sexist*innen zu sein.

Deutlich machen sich die gegebenen patriarchalen Verhältnisse auch in der Arbeitsweise innerhalb linker Gruppen. Das Ausklammern von Alltag, Emotionen und Zwischenmenschlichem auf dem Plenum ist eines der Anzeichen für die Reproduktion von Männlichkeit. Hier zeigt sich der Glaube, dass die Vermittlung politischer Inhalte unabhängig von ihrer Form stattfindet und allein das Sprechen über Emanzipation den Versuch eines emanzipatorischen Umgangs untereinander überflüssig macht. Rededominanz auf Bündnistreffen und anderen Plena ist Ausdruck dessen. Genauso wie der Zwang zur Wiederholung anderer Aussagen, weil Mann* glaubt es besser ausdrücken zu können. Linke Männer* glauben meist, dass ohne sie nichts läuft. Das Vertrauen in Gruppenprozesse ist gering. Das ins eigene Selbst hingegen übersteigert.

Wichtiger als Reflexion und kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Arbeit scheint das Abarbeiten der Tagesordnungspunkte, das Organisieren der aktuellen Kampagne oder das Suchen nach dem neuen, schlagkräftigen Thema. Für längerfristige Prozesse bleibt da kaum Platz. Die Auseinandersetzung mit Themen, die zunächst wenig “Output“ liefern und wenig sichtbar sind, erscheint unproduktiv. Schnell ist da für den Feminismus und den Antisexismus eine eigene Arbeitsgruppe gefunden, so dass eine grundlegende, strukturelle Auseinandersetzung für die Gesamt-Gruppe nicht stattfinden muss. Es sind immer wieder Frauen*, die feministische Themen und Reflexionen ansprechen und einfordern müssen. In die inhaltliche Planung von Kampagnen fließen diese aber meist nur ein, wenn offensichtlich feministische Themen behandelt werden.

Auch Mansplaining – also das Phänomen, dass Männer* meinen (in erster Linie) Frauen* Themen erklären zu müssen, in dem Glauben, selbst den tieferen Einblick zu haben – ist keine Seltenheit in linken Zusammenhängen. Das wird auf die Spitze der Absurdität getrieben, wenn Männer* Frauen* ungefragt feministische Theorien und Inhalte erklären. Dabei werden zum einen Empowerment und Selbstbestimmung aktiv unterdrückt, zum anderen wird klar, wie sehr Cis-Männer FLTIQ*-Menschen unter- und sich selbst überschätzen.

Dazu kommt, dass Männer* in linken Gruppen und Zusammenhängen häufig andere Aufgaben übernehmen als Frauen*. Ein Phänomen, das sich im Sportgruppen-Habitus ebenso zeigt, wie in der theoretischen Aufschneiderei mit all ihrem Name-Dropping und der Gegenüberstellung von Emotionalität und Rationalität, wobei letzteres als Ideal fungiert. Meist sind es Männer*, die als Gesichter einer Gruppe wahrgenommen werden, wenn sie häufiger zu Bündnistreffen gehen oder stärker bei Szeneevents in Erscheinung treten. Für die Frauen* bleibt dann die Arbeit im Hintergrund, unsichtbare Orga-Aufgaben, das Schreiben von Protokollen, Vorbereiten der Küfa, Transpis malen, Veranstaltungsräume putzen, Konflikte in der Gruppe schlichten. Auch wenn all diese Aufgaben unabdingbar für die politische Arbeit sind, gilt oft das männliche Verhalten als allgemeines Ideal. Männer* sagen Frauen*, sie sollen sich eben auch mal trauen, auf Demos in die erste Reihe zu gehen, auf dem Lauti zu sprechen oder sich auf der Podiumsdiskussion zu Wort zu melden. Bei Konflikten sollen sie eben nicht so nachtragend sein, dann klären sich diese schon von alleine.

Auch in vielen anderen Situationen zeigt sich die mangelnde Verinnerlichung pro-feministischer Standpunkte. Dabei wird klar, dass die augenscheinliche Reflexion oft nicht mehr als ein Lippenbekenntnis ist, das viel zu selten handlungsleitend wird. Wenn Männer* unter Männern* sind wird das besonders deutlich. Linke Männer* erfahren auch in linken Räumen oft unkritische Solidarität oder Zustimmung anderer Männer*, denen das Gemackere entweder nicht auffällt oder die es sogar sympathisch, witzig oder intelligent finden. Auch oberkörperfreies Auftreten in der Öffentlichkeit oder auf Festivals wird von Cis-Männern oft damit legitimiert, dass andere dies ja auch tun könnten. Sich um sexualisierte Gewalt oder diskriminierende Übergriffe keine Gedanken machen zu müssen, ist hier ein Zeichen für cis-männliche Privilegien.

Linkssein schützt auch nicht vor heteronormativen Sexualitätsansprüchen. Der Umgang mit Frauen* auf Partys und in Beziehungen verrät, dass diese auch in den Köpfen vieler linker Männer* sowohl optisch als auch rollenbildlich heteronormativen Ansprüchen genügen sollen. Auch hier kann verbale Übergriffigkeit als „Kompliment“ verklärt und relativiert werden. Dass sich linke Hetero-Männer* gegen Homo- und Transfeindlichkeit aussprechen, heißt ebenfalls nicht, dass sie sich ernsthaft entsprechend verhalten. Dumme Witze und ein oftmals peinlich verkrampfter Umgang mit schwulen, queeren und/oder Trans*männern offenbaren das.

Nun gibt es aber auch jene Männer*, die all das zu erkennen glauben und gern kritisieren. Z.B. vor Frauen*, denen sie erklären, wie sich Männer* so verhalten. Der damit verbundene Versuch der Abgrenzung scheint absurd, machen die Redner dabei schließlich selbst wenig anders. Viel zu gut kann Mann* sich damit in den Mittelpunkt rücken und zwar als „besserer Mann“. Scheinbar reicht das Verständnis nicht so weit, zu begreifen, dass es genau darum nicht geht. Vielmehr sollte das Aufdecken der eigenen Widersprüche zentral werden. Es gilt zu erkennen, dass die gänzliche Befreiung von Widersprüchen unter den gegebenen Umständen nicht möglich ist. Gleichzeitig kann männliches Fehlverhalten damit nicht gerechtfertigt oder die Reflexion über das eigene Handeln zurückgestellt werden. Das bedeutet auch immer kritisch gegenüber der eigenen Sichtweise zu sein. Bei Cis-Männern ist und bleibt dies eine männliche.

*Das Konzept „Hegemoniale Männlichkeit“:
Viele der hier beschriebenen Verhaltensweisen lassen sich mit dem Konzept der „Hegemonialen Männlichkeit“ erklären. Hierbei geht es nicht um eine biologische Festschreibung von Geschlecht, sondern darum, dass Geschlecht durch soziale Handlungen hergestellt wird. Die Soziologin Raewyn Connell beschreibt hegemoniale Männlichkeit als jene Männlichkeit, die sich durch einen Zugang zu Macht innerhalb patriarchaler Strukturen auszeichnet – gewissermaßen das „Idealbild des Mannes“. Es ist eine bestimmte Vorstellung von Männlichkeit, die als eine Art Vorbild bei der Entwicklung männlicher Ideale dient. Nur wenige Männer* haben Zugang zu dieser Macht, aber Männer* als Gruppe profitieren von der Aufrechterhaltung dieser Vorstellung. Connell nennt dies komplizenhafte Männlichkeit. Dies bedeutet, dass Männer* von der Vormachtstellung von Männlichkeit im Patriarchat profitieren. Ausgehend von diesen Idealen entsteht eine bestimmte Handlungspraxis, die sich im sozialen Miteinander widerspiegelt. Dadurch wird, laut Connell, das Patriarchat überhaupt erst begründet und aufrechterhalten. Dass es hier Brüche gibt, zeigt sich bei Männern*, die diesem Ideal aufgrund anderer Machtverhältnisse, z.B. Weiß-sein oder Cis-Männlichkeit und Heteronormativität, nicht entsprechen. Schwarze oder migrantische Männer* in weißen Gesellschaften, Trans*männer, schwule/ queere Männer* oder Männer* mit geringem sozialen Status sind aufgrund dessen von Diskriminierung betroffen. Diese marginalisierten Männlichkeiten sind als Gegenbild im Verhältnis zu hegemonialer Männlichkeit zu sehen. In der Konkurrenz zwischen Männern* haben sie eine weniger machtvolle Position.

Kritische Männlichkeit als die Lösung?

Was bedeutet nun eigentlich kritische Männlichkeit? Patriarchale Männlichkeit kann nicht zu einer Veränderung der Geschlechterverhältnisse und auch nicht zu einer befreiten Gesellschaft führen. Männlichkeit muss sich also verändern. Dies ist möglich, da sie sozial konstruiert ist und sich in unserem Alltag und durch uns selbst hindurch ständig reproduziert. Geschlechterverhältnisse und Männlichkeit in den eigenen Beziehungen, politischen Zusammenhängen usw. müssen also reflektiert und verändert werden, ansonsten bleibt der ständige Ruf nach Feminismus und Antisexismus ein bloßes Lippenbekenntnis. Von einer tatsächlichen emanzipatorischen Veränderung von Geschlechterverhältnissen sind die meisten Männer* leider weit entfernt. Dabei braucht es eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit, die über gegenderte Redner*innenlisten hinausgeht. „Männliche Ideale“ wie Konkurrenz, vermeintliche Rationalität und Leistungsdrang zeigen auf, dass es etwas mit dem Patriarchat zu tun hat, wenn Gespräche über Alltag und Emotionen in politischen Gruppen keinen Platz mehr finden. Wenn der Wunsch nach feministischen Argumenten und Praxen mit einem vermeintlichen Sachzwang (die Produktion eines möglichst großen Outputs usw.) weggewischt werden, ist das kein akzeptabler Zustand. Männer* können sich auch anders zeigen, als nur stark, rational und dominant. Auch bei Männern* muss es Platz geben für Verunsicherung, für Zweifel und eigene Widersprüche. Auch Männer können schwach, divers und offen sein. Sie können nachfragen, selber Fragen stellen und eingestehen, wenn sie etwas noch nicht völlig verstanden haben, anstelle direkt mit dem nächsten Adorno-Zitat jegliche potentiellen Zweifel aus dem Weg zu räumen (und damit ihr Verständnis von Adorno selbst ad absurdum zu führen).

Das Private ist und bleibt politisch! Selbstreflexion ist fundamentaler Bestandteil feministischer und jedweder politischen Arbeit. Antisexismus benötigt eine Auseinandersetzung mit sexistischen Strukturen, aber eben auch mit dem eigenen Denken, dem eigenen Sein und dem eigenen Handeln. Es geht um die Verbindung von theoretischer Analyse und individuellem Handeln. Dies macht das eigene Subjekt zum Bestandteil der politischen Reflexion. Doch die Veränderung kann und sollte nicht nur jede*r mit sich allein ausmachen, sie kann und muss in linken Zusammenhängen kollektiv erstritten werden. Es braucht also neue Formen der Auseinandersetzung! Denn sollte das Ziel nicht eine Form der Organisierung sein, die die eigenen Unsicherheiten, Ängste und Ohnmachtserfahrungen ernst nimmt und bekämpft? Eine Organisierung, in der Unsicherheiten und Zweifel reflektiert, theoretisch begriffen und damit entindividualisert werden können? Eine Organisierung, die sich solidarisch zeigt und Konkurrenz abbaut? Eine Organisierung, in der antisexistische und männlichkeitskritische Praxis gelebt wird? Wie sonst sollte eine Veränderung in der Praxis möglich sein? Erst die Einbeziehung des Alltags und der Angriff auf die Trennung von Privat und Politisch ermöglicht eine emanzipatorische, linksradikale Politik.

Zum Weiterlesen

Raewyn Connell: Der gemachte Mann. Konstruktionen und Krise von Männlichkeiten.

Nadia Shehadeh: Feministische Männer oder: Eine Verheißung, die keine ist.
analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis /Nr. 613 / 16.2.2016
(www.akweb.de/ak_s/ak613/18.htm)

Herausgeber_innenkollektiv: Fantifa. Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik. editionassemblage 2013.

www.beyondmasculinity.com

www.magazin.umsganze.org/wp-content/uploads/1.pdf

Theorie, Kritik & Aktion | Berlin [TKA]